Liebe Gäste
des 15. Internationalen Literaturfestes „Poetische Quellen“,

wenn man meint, man weiß genug, dann hört man irgendwann auf, nach dem zu fragen, wonach man sich vielleicht einmal auf der Suche befand, dann stößt das als vermeintlich sicher empfundene Wissen an die Grenze des als unsicher empfundenen Möglichen. Dann verlieren wir an Möglichkeiten – aus Bequemlichkeit, aus Angst, manchmal vor dem Hintergrund eines Lebens, in dem jedwedes Gefühl für Zukünftigkeit von einer unveränderbar scheinenden Gegenwart überdeckt wird. In diesem Zustand werden alle zukünftigen Möglichkeiten auf das Maß einer nur noch gegenwärtigen Zukunft zurecht gestutzt. Wir spielen dabei mit dem Verlust unserer Zeitlichkeit, das meint den Verlust eines Empfindens für den Verlauf von Zeit, die sich zusammensetzt aus Erkenntnissen, Möglichkeiten, Handlungen und Begegnungen.

In dieser Situation ist es kein Vorteil, dass wir in einer Welt leben, in der Wissenschaft und Ökonomie zu den maßgeblichen Richtern unserer Handlungen und unserer vorstellbaren Möglichkeiten geworden sind. „Da die Wissenschaft uns eingebleut hat, daß jetzt keine Wunder mehr geschehen können, geschehen sie nicht. Und so ist die Wirklichkeit, die einst das strahlende Ziel des Suchenden war, ein Synonym für Öde geworden. Wirklichkeit ist jetzt nur, was sich wiederholen läßt“, schrieb Erwin Chargaff 1983 in seinem Essay Kritik der Zukunft, und man kann hinzufügen: Menschlichkeit ist dann nur noch das, was sich optimieren lässt.

Ein Gegengewicht gegen diese einseitige zeitliche Einengung unseres Lebens und unserer Wirklichkeit entsteht aus der Erzählung des Lebens, die sich mit Hilfe der Vorstellungskraft der Literatur ihren Weg bahnt. „Die ganze Literatur besteht aus einer Anstrengung, das Leben wirklich werden zu lassen“, schreibt der portugiesische Schriftsteller Fernando Pessoa. Durch sie nehmen wir wahr, dass wir niemals nur in diesem Augenblick leben, sondern das unser Leben gleichzeitig immer auch ausgerichtet ist auf ein nach hinten und ein nach vorne

Der italienische Schriftsteller Antonio Tabucchi erklärt dies wunderbar an dem homerischen Helden Odysseus: „Odysseus hingegen“, schreibt Tabucchi, „besitzt Homer zufolge tatsächlich […] die Fähigkeit, der Vergangenheit einen zukünftigen Wert und der Zukunft einen vergangenen Wert zuzusprechen, als ob sie bereits passiert wäre. Odysseus ist ein Urheber im ursprünglichen Sinn des Wortes, aber er ist auch ein Künstler oder die Metapher eines Künstlers, weil sein Denken amphibisch ist, im Hier verwurzelt, aber gleichzeitig nach vorne und zurück blickend, in einer zeitlosen Dimension, die Zukunft und Vergangenheit vereint.“

Am Ende der Themen-Trilogie über den „Platz des Menschen“ lädt Sie das Internationale Literaturfest „Poetische Quellen“ zu seinem 15jährigen Bestehen deshalb dazu ein, durch Vergangenes, Gegenwärtiges und Zukünftiges zu segeln und wie Odysseus dabei niemals den Glauben an die Möglichkeiten des Lebens zu verlieren.

Michael Scholz
Künstlerische Leitung