Liebe Gäste des Internationalen Literaturfestes „Poetische Quellen“,

wir laden Sie in diesem Jahr zu Poetischen Quellen ein, die sich durch die beginnende Partnerschaft mit den „Sarajevoer Poesietagen“ in Bosnien-Herzegowina, zu einem wirklichen europäischen Literaturfest entwickelt haben. Für die Offenherzigkeit, diese Partnerschaft einzugehen, gilt dem Schriftsteller und Präsidenten des bosnisch-herzegowinischen Schriftstellerverbandes, Dževad Karahasan, großer Dank.
Erneuerungen, so das diesjährige Schwerpunktthema, geschehen immer, wenn es zu einem Austausch zwischen Menschen, Gesellschaften und Kulturen kommt, wenn etwas zusammenfließt, ein Gespräch eröffnet und Grenzen überschritten werden. Diese Art der Begegnung findet nicht immer ohne Auseinandersetzungen statt. Sie gelingt in der Regel aber dann, wenn die Aufmerksamkeit gegenüber dem Anderen und Fremden vor dem Hintergrund des Bewusstseins der eigenen Kultur und Tradition stattfindet. „Aufmerksamkeit ist das Leben“, schrieb Goethe.
Hierbei spielt Literatur als unschätzbares Mittel des Selbst- und Fremdverständnisses eine wichtige Rolle, denn alles Erzählen lebt dadurch, dass Gedanken aufzufinden sind, die zum Selber- und Weiterdenken, zum Denken an Anderes, an Neues, an nicht Gekanntes anregen und dazu auffordern. Literatur, die zählt, bricht einerseits mit der Tradition und folgt ihr dennoch, weil sich jeder Akt von Erneuerungen doch immer wieder vor der grundsätzlichen Frage Hamlets nach Sein oder Nichtsein verantworten muss. Entscheidet man sich für das Sein, dann entscheidet man sich gleichzeitig für das Anfangen, wie es im Zitat des Schriftstellers Cesare Pavese zum Ausdruck kommt. Anfangen und erneuern können dabei als verwandt betrachtet werden.
Für den Literaturnobelpreisträger Joseph Brodsky sind es jedenfalls die Dichter, die stets das Neue suchen. Es sind ihre unruhigen Geister, die sich schreibend auf die Suche nach dem Unbekannten, nach dem noch nicht Verwirklichten machen. Die Ergebnisse ihrer oft lebenslangen Suche geben sie an die Leserinnen und Leser, oder anders ausgedrückt: an eine ebenso suchende, fragende Menge von Menschen weiter, in der Hoffnung, so Brodsky, dass „jede neue ästhetische Erfahrung das ethische Bewusstsein der Menschen“ schärft. „Ein Mensch mit sicherem Geschmack, besonders in Stilfragen“, behauptete Brodsky, „ist nämlich weniger anfällig für die primitiven Refrains und rhythmischen Beschwörungsformeln, die jeder Art von politischer Demagogie eigen sind.“
Mit Nachdruck sagte auch die Friedenspreisträgerin des Deutschen Buchhandels, Carolin Emcke, in ihrer Dankesrede: „Wir können immer wieder anfangen.“ Anfangen ist aber niemals nur Handlung, sondern bedarf immer des tiefen Gedankens, der Konzentration und der Aufmerksamkeit. Auch dazu laden wir Sie in diesem Jahr wieder herzlich zu den Poetischen Quellen ein!

IhrMichael Scholz
Künstlerische Leitung