Das Autorenporträt

Sonntag, 28. August 2016

Beginn: 18.30 Uhr

Dževad Karahasan zusammen mit Rolf Becker
Die Welt verstehen

Dževad Karahasan
stellt sein erzählerisches Meisterwerk, den Roman Der Trost des Nachthimmels [2016] vor.
Es liest der Schauspieler Rolf Becker

„Wer den bosnischen Schriftsteller Dževad Karahasan jemals erlebt hat, kennt den philosophischen Überschuss, der seiner Rede innewohnt. Die zahllosen Schätze, die er mit didaktischem Charme, theatralischer Verve und luzidem Humor ausbreitet, erzeugen im Zuhörer einen Taumel“, schreibt die Neue Zürcher Zeitung über einen der bedeutendsten europäischen Autoren, der bereits zum dritten Mal zu Gast bei den Poetischen Quellen ist. Diesmal präsentiert er sein erzählerisches Meisterwerk Der Trost des Nachthimmels, an dem er ganze elf Jahre lang gearbeitet hat.
Die Hauptfigur des Romans ist der persische Dichter, Mathematiker, Astronom und Arzt Omar Chayyam. Karahasan entführt uns damit in den Vorderen Orient des 11./12. Jahrhunderts und lässt vor dem Hintergrund seiner Geschichte die Blüte und den Niedergang des Seldschukenreiches vorbeiziehen. Es handelt sich allerdings nur vordergründig um einen historischen Roman. Schon vor Jahren erklärte Karahasan: „… ich gestehe, dass mich emotional nur jene Literatur anspricht, der die Geschichte weniger bedeutet als das menschliche Schicksal. Und es gibt kein Schicksal ohne einen einzelnen Menschen, und es gibt keinen Menschen ohne Gesicht.“ Der Roman beschreibt die Lebensläufe seiner Figuren in ihren Verwicklungen zwischen politischen Intrigen und privatem Glück und Unglück. „Chayyam lebte in einer Zeit lauter Fundamentalismen und war dabei ein großer Skeptiker“, sagte Karahasan gegenüber Deutschlandradio Kultur. „Also wahrscheinlich habe ich deshalb in ihm sozusagen unsere Zeit wiedererkannt und versuche, mein Leben, mein Zeit, meine existentielle Situation durch ihn zu verstehen.“ Die Suche nach dem Verstehen ist auch ein immer wiederkehrendes Motiv des Romans.
Karahasan wurde 1953 in Duvno im heutigen Bosnien-Herzegowina als Sohn einer Muslimin und eines Kommunisten geboren. Obwohl muslimischen Glaubens, besuchte er eine Franziskanerschule und wurde in den klassischen Sprachen, Philosophie und Theologie unterwiesen. Anschließend studierte er Literatur- und Theaterwissenschaften in Sarajevo. 1993 floh er aus der belagerten und umkämpften Stadt. Mit zahlreichen Literaturpreisen ausgezeichnet, ist Karahasan der wichtigste zeitgenössische Schriftsteller Bosnien-Herzegowinas. Heute lebt er wieder hauptsächlich in Sarajevo und in Graz.

„Überflüssig zu sagen, dass Karahasan seinem Helden ein Denken leiht, das in klassischer Rede die Dinge auf moderne Art verhandelt. Es geht um die letzten und die menschlich-allzumenschlichen Dinge, vieles aber liest sich wie ein direkter Kommentar zu unserer aus den Fugen geratenen Zeit. (…). Dževad Karahasans von Katharina Wolf-Griesshaber famos ins Deutsche übersetzter Ideenroman ist ein Jahrzehnte-Ereignis.“
[Andreas Breitenstein, Neue Zürcher Zeitung]

Weitere ausführliche Informationen zu Dzevad Karahasans Jahrhundertroman gibt es in dem Prospekt des Suhrkamp Verlags unter:
http://www.suhrkamp.de/download/Prospekte/Karahasan_Folder.pdf

2015:Rolf Becker feiert seine 80sten Geburtstag; hier mit seinem Lebensgeschichte des Friedrich Freiherrn von der Trenck" Sohn Ben Becker

Rolf Becker
(Schauspieler und Sprecher)

„Kein Mensch ist nur gut. Und kein Mensch ist nur böse. Sondern jeder Mensch hat beide Seiten in sich – das war das Rollenfeld, was mich am meisten interessiert hat.“ [Rolf Becker]

Matthias Habich und Rolf Becker in „Die merkwürdige 2015:Rolf Becker feiert seine 80sten Geburtstag; hier mit seinem
Lebensgeschichte des Friedrich Freiherrn von der Trenck“ Sohn Ben Becker

Mit seiner sonoren Stimme und den strahlend blauen Augen gehört er zu den bekanntesten deutschen Schauspielern und Synchronsprechern: Rolf Becker, in Leipzig geboren, wächst ab Kriegsbeginn 1939 auf dem Bauernhof seiner Großeltern im schleswig-holsteinischen Osterstedt auf. Die entbehrungsreiche Zeit des Zweiten Weltkrieges wird für ihn zu einer lebensbestimmenden Erfahrung: „Ich bin Jahrgang 1935, habe die Kriegs- und Nachkriegsgeschichte in Erinnerung und habe eigentlich mein Leben darauf ausgerichtet zu verhindern, dass sich wiederholen kann, was ich als Kind miterlebt habe, aber damals noch nicht reflektieren konnte“, sagt Becker.
Nach dem Abitur geht er Mitte der 50er-Jahre nach München und verdient sich als Bühnentechniker seine Schauspielerausbildung, die er an der renommierten Otto-Falckenberg-Schule absolviert. Der Schauspielunterricht ist für ihn ein „Ausweichen vor der Wirklichkeit, mit der ich schwer zu Rande kam“, womit er auch hier die Kriegs- und Nachkriegsjahre meint.
Nach mehreren Theaterstationen kommt er 1971 ans Deutsche Schauspielhaus in Hamburg, wo er seitdem lebt. Durch sein Engagement hier und später am Thalia Theater avanciert Becker schnell zu einem der gefragtesten Theaterschauspieler und feiert bald auch Erfolge im Fernsehen und beim Film. Er spielt unter so bekannten Regisseuren wie Edgar Reitz, Peter Zadek und Volker von Schlöndorff (z.B. in Die verlorene Ehre der Katharina Blum). In den bekannten historischen Fernsehmehrteilern der 70er- und 80-Jahre verkörpert er Friedrich den Großen in Die merkwürdige Lebensgeschichte des Friedrich Freiherrn von der Trenck oder den Oberst Piccolomini in der Wallenstein-Verfilmung mit Rolf Boysen. Immer wieder hatte er seitdem Gastauftritte in deutschen Fernsehserien wie Tatort, Wolffs Revier, Großstadtrevier oder Küstenwache. Seit 2006 spielt er in der ARD-Serie In aller Freundschaft den gutmütigen Rentner Otto Stein. Daneben arbeitet er immer wieder alleine oder mit anderen Künstlern als Sprecher und Vorleser. Zusammen mit der sizilianischen Sängerin Etta Scollo liest er im Wechsel mit Joachim Król bei Aufritten ihres Programmes Parlami d`amore Liebesgeschichten italienischer Autoren.
Unermüdlich ist Rolf Becker auch politisch und sozial engagiert. Als Gewerkschaftsmitglied demonstrierte er in den 90er-Jahren gegen die NATO-Angriffe in Ex-Jugoslawien. Im vergangenen Jahr forderte er zur Solidarität mit den Griechen auf. Er unterstützt den Kampf der Kurden gegen Vertreibung und Vernichtung und setzt sich für die Lampedusa-Flüchtlinge in Hamburg ein.