Sonntag, 28. August 2016 - 11.30 Uhr

Das Sonntagsgespräch – Forum für Demokratie 2016

Titel:
Eine Kritik der Gegenwart:
Wie die smarte neue Welt die demokratische Gesellschaft gefährdet

Mit:
Harald Welzer, Alexander Pschera und Stefan Selke
Moderation: Jürgen Keimer

„Und jetzt steht uns die dritte Welle des Internets ins Haus. In ihrem Gefolge werden Arbeitsplätze verschwinden, die Arbeit an sich wird sich verändern, eine Menge Geld wird in die Taschen all der Firmen, Berater und Investmentbanker fließen, die das alles kommen sahen. Die Privatsphäre wird ebenfalls verschwinden und unsere Intimsphäre zur Werbeplattform mutieren (…), und wir merken das womöglich gar nicht, weil wir dahinterzukommen versuchen, wieso unser Toaster sich nicht mit der Waage im Bad versteht. Technologie, die es uns ermöglicht, unsere eigenen Fähigkeiten zu steigern und zu erweitern, tendiert zu einer unvorhersehbaren und unkontrollierbaren Weiterentwicklung, und die Zukunft, die man sich vorgestellt hat, ob gut oder schlecht, erscheint fast immer als historisch – anders gesagt, naiv.“[Sue Halpern, Der digitalisierte Alltag, in: Lettre International, Winter 2014]
Im Mittelpunkt des „Sonntagsgesprächs – Forum für Demokratie“ steht die Frage, wie es um das zivilisatorischen Projekt der Aufklärung mit ihrer Forderung nach der Autonomie des Individuums steht, vor dem Hintergrund der zunehmenden gesellschaftlichen Veränderungen in unserer Beziehung zur Welt in allen Bereichen (Mitmenschen, Natur, Technik, Arbeit, Kultur), die durch die Digitalisierung des Lebens hervorgerufen werden. Dies betrifft die Privatsphäre, die sich die Bürger durch die Abgabe individuell-privater Informationen freiwillig von Unternehmen wie Google, Apple und Facebook für Technologien, die das Leben einfacher machen sollen, aus der Hand nehmen lassen; es trifft aber auch auf eine gesellschaftspolitische Dimension, in der die politischen Akteure Europas nicht willens sind, eine notwendige Alternative zum Silicon-Valley zu entwickeln. Dazu bedarf es laut des Publizisten Evgeny Morozov Interventionen, die dem zuwiderlaufen, „wofür das neoliberale Europa von heute steht“: der „Zurücknahme der Abhängigkeit von amerikanischen Unternehmen“ und einer „Investition in eine an den Interessen der Bürger ausgerichtete Infrastruktur“. Dies scheint im Augenblick eine leider eher unvorstellbare Entwicklung zu sein.
Bereits 1999 stellte sich der Schriftsteller Dževad Karahasan eine bis heute unbeantwortete Frage: „Aber wie soll man sich wehren gegen den neuen Kapitalismus und seine Zahlenwut, die uns die nackte Statistik als Metaphysik und den lieben Gott als Buchhalter vorführen will? Was kann man den bestechenden Simplifizierungen des neuen Kapitalismus entgegensetzen, der uns davon zu überzeugen versucht, daß Bequemlichkeit die einzig wesentliche Frage im Leben sei und nur der aktuelle Augenblick zähle?“
Der dänische Philosoph Sören Kierkegaard beschrieb sogar schon 1846 in seiner heute wieder aktuellen Streitschrift Kritik der Gegenwart, dass sich das Zusammenleben zu einer „bedeutungslosen Äußerlichkeit ohne Charakter“ entwickelt habe, die nur noch auf Geschwätzigkeit basiere: „… es geschieht nichts, dafür geschieht sofort die Bekanntmachung.“

Zu den Teilnehmern:

Harald Welzer
Bücher u.a.: Selbstdenken. Eine Anleitung zum Widerstand [2013], Die smarte Diktatur. Der Angriff auf unsere Freiheit [2016]

In seinem neuem Buch Die smarte Diktatur. Der Angriff auf unsere Freiheit äußert Harald Welzer die Besorgnis, dass mit der zunehmenden Digitalisierung der Gesellschaft ein neuer Diktaturtypus heranwächst, der unser demokratisches Gesellschaftssystem unterhöhlt, weil er die Privatsphäre der Bürger zerstört. „Wir verlieren gerade jede Privatheit. Die ist aber die zentrale Voraussetzung für Demokratie. Und Freiheit“, sagte Welzer in einem Gespräch mit der Zeitschrift zeozwei. Das Unverständlichste an diesem Vorgang sei es, dass sich die Bürger dieser Entwicklung freiwillig ausliefern und die wesentliche Voraussetzung dieses neuen Unterdrückungsgeschäfts selbst erfüllen, indem sie einen Großteil ihrer privaten Daten an die entscheidenden Unternehmen im kalifornischen Silicon-Valley liefern.
Das Gefährliche an dieser neuen Diktatur besteht in ihrer einvernehmlichen Zustimmung zur neoliberalistischen Wirtschaftsform, die auf ständigem Wachstum und ständigem Konsum von Dienstleistungen und Produkten beruht. Um diese zu steuern, sind Daten die Währung der Machthaber der Zukunft. Wie sehr dabei die Digitalisierung, die einen enormen Energie- und Ressourcenverbrauch aufweist, nicht getrennt betrachtet werden kann vom Klimawandel, den Flüchtlingsbewegungen, dem Landraub, der Finanzmarktkrise und der wachsenden sozialen Ungleichheit, beschreibt Welzer in seinem Buch. Das irritierende für ihn ist die Tatsache, dass keine Partei diese Zusammenhänge und damit das demokratiezerstörende Potenzial dieses digitalen Totalitarismus, der auf der Berechenbarkeit des Menschen durch Algorithmen beruht, thematisiert, sondern stattdessen immer nur um den Datenschutz bemüht ist: „Alle ergötzen sich an irgendwas mit 4.0. Weil sie nicht verstehen, womit sie es zu tun haben. Übrigens auch aufgrund des Fehlens von politisch-historischer Bildung“, sagt Welzer überzeugt.
Harald Welzer, 1958 nahe Hannover geboren, studierte Soziologie, Politische Wissenschaft und Literatur an der Universität Hannover, promovierte in Soziologie und habilitierte in Sozialpsychologie. Er ist Professor für Transformationsdesign an der Universität Flensburg und Mitbegründer der gemeinnützigen Stiftung Futurzwei. Stiftung Zukunftsfähigkeit, die alternative Lebensstile und Wirtschaftsformen aufzeigt und „ihre Mittel für das Projekt einer zukunftsfähigen, enkeltauglichen Gesellschaft einsetzt“.

„Was Harald Welzers Bücher dabei immer wieder auszeichnet ist die Tatsache, dass es ihm gelingt, den Lesern trotz der teils deprimierenden Fakten die Einsicht zu vermitteln, dass die Verhältnisse veränderbar sind und es gelingen kann, aus der Passivität des nur noch Konsumierenden auszubrechen.“ [Eckard Föhr, re-visionen.net]

Alexander Pschera
Bücher u.a.: 800 Millionen. Apologie der sozialen Medien [2011], Das Internet der Tiere. Der neue Dialog zwischen Mensch und Natur [2014]

„Die Großstadt war die radikale Erfahrung des Menschen des 20. Jahrhunderts. Die sozialen Medien sind die radikale Erfahrung des Menschen des 21. Jahrhunderts“, schreibt Alexander Pschera in seinem Essayband 800 Millionen. Pschera sieht sich jedoch nicht in der Rolle der anti-digitalen Bedenkenträger, denen er aufgrund ihres vereinfachenden, selbstinszenierten und verschwörungstheoretisch aufgeblähten Widerstands gegen die technologischen und digitalen Fortschritte ein konservatives Denken vorwirft, weil sie jegliche Neugier und jedwedes Staunen über Veränderungen im privaten wie im öffentlichen Raum der Gesellschaft aufgegeben hätten, die maßgeblich auf die Entwicklungen der Akteure der IT- und High-Tech-Industrie im Silicon-Valley zurückzuführen sind. „Neugierig zu sein und zu bleiben ist aber der Motor der Erkenntnis und gesellschaftlicher Entwicklung“, schreibt Pschera im Cicero. „Es ist der erklärte Auftrag der Aufklärung, neue Technologien zu nutzen und sozial zu strukturieren, um sie in den Dienst der Neugierde zu stellen. Das Netz ist eine Maschine des Staunens. Und als solches sollte es gesehen und diskutiert werden.“ Andererseits erkennt er das Problem, dass die Digitalisierung mit einer derartigen Beschleunigung über die Wirklichkeit hereinbricht, dass „moralische Koordinatensysteme und gesetzliche Rahmenwerke“ nicht mehr hinterher kommen können.
An diesem Punkt stellt sich die Frage, wie wir „Privatsphäre“ zukünftig definieren wollen und ob wir auch ohne sie selbstbestimmt und frei leben können. Bei der Beantwortung dieser Frage setzt Pschera auf die Vitalität der Kommunikation in den sozialen Medien, die nur dann funktioniert, wenn die Menschen als Subjekte darin agieren und sich dabei nicht als Opfer kapitalistischer Machenschaften verstehen.
Alexander Pschera wurde 1964 in Heidelberg geboren. Hier studierte er Germanistik, Philosophie und Musikwissenschaft und promovierte mit einer Arbeit über Eduard Mörike. Lange Zeit arbeitete er als Journalist. Heute ist er Geschäftsführer einer Münchener Kommunikationsberatungsfirma, freier Autor und Blogger. In seinen Arbeiten beschäftigt er sich u.a. mit den Auswirkungen der Digitalisierung auf die Gesellschaft und Arbeitswelt, das Privatleben und die Kultur. Regelmäßig schreibt er für das Magazin Cicero. An der Katholischen Akademie Bayern in München unterhält er zudem eine eigene Veranstaltungsreihe unter dem Titel „Digitaler Salon“.

„Das Potential zur Entfaltung der Persönlichkeit in der realen Welt aufzuzeigen, ist die Intention des Buches, das sich damit von der großen Anzahl an kritischen Ansichten zu den sozialen Medien abgrenzt.“ [Jan Achim Richter über „800 Millionen“ im Portal für Politikwissenschaft]

Stefan Selke
Bücher u.a.: Lifelogging. Wie die digitale Selbstvermessung unsere Gesellschaft verändert [2014], Schamland. Die Armut mitten unter uns [2013]

Die Vermessung und Auswertung unseres Lebens scheint in allen Bereichen einen immer größeren Aspekt unserer privaten wie auch gesellschaftlichen Lebenswirklichkeit auszumachen.
In seinem wichtigen Buch mit dem Titel Lifelogging weist der Soziologe Stefan Selke auf die immensen Probleme hin, die die digitale Selbstvermessung und Protokollierung des Lebens auch jetzt schon verursacht. Die größte Gefahr geht für ihn von dem Grundgedanken aus, auf dem diese rein rechnerische Aufzeichnung des Lebens basiert: Sie geht von einem „fehlerhaften“, also ungenügenden Menschen aus, der, weil er nicht perfekt funktioniert, ein Problem darstellt, dem nur mit einer technisch-pragmatischen Lösung beizukommen ist, eben durch Lifelogging. Darunter werden die unterschiedlichen Möglichkeiten der digitalen Erfassung, Speicherung und Auswertung von Lebensdaten und Verhaltensspuren verstanden, die die sog. „digitale Aura“ eines Menschen umfassen und mithilfe derer individuelle Daten über Gesundheit, sportliche Aktivitäten, Aufenthaltsorte, Leistungsfähigkeit und auch Gefühle gesammelt, zusammengefasst und vereinheitlicht, d.h. quantifiziert werden können. „Es schleicht sich ein effizienzorientiertes, ökonomisches Denken ein, denn die Vermessung ist eine Logik, die aus der Verhaltensökonomie und aus dem Management kommt. Das ist etwas völlig anderes als eine humanistische oder qualitative Einstellung zum Leben“, sagt Selke, der außerdem befürchtet, dass daraus „so etwas wie ethische Freihandelszonen“ entstehen. Die Frage ist, inwieweit wir es selbst zulassen, dass wir uns immer weiter smarten Entscheidungsalgorithmen unterwerfen, die Subjektivität mit Leistung gleichsetzen und das soziale Wesen Mensch mit seinem eigenständigen, kritischen Denken als normfremdes Produkt einstufen.
Stefan Selke wurde 1967 im badischen Rheinfelden geboren. Er studierte zunächst Luft- und Raumfahrttechnik in Aachen, lebte anschließend zwei Jahre in Brasilien, um dann von 1993 bis 1998 Soziologie, Philosophie, Anthropo-Geografie und portugiesische Sprach- und Literaturwissenschaften in Bonn zu studieren. Seit 2008 ist an der Hochschule Furtwangen Professor mit dem Lehrgebiet Soziologie und gesellschaftlicher Wandel. Hier beschäftigt er sich besonders mit den schleichenden Auswirkungen, die die Digitalisierung der Gesellschaft auf die Kultur und Lebenswelt des Menschen mit sich bringt.

„Lifelogging führt, davon ist Stefan Selke überzeugt, langfristig zu einer entfremdeten, unmenschlichen Welt. Was wir dagegen tun können? Anders Daten sammeln, mehr Sorgfalt aufwenden, auf gesteigerte Handlungsfähigkeit achten. Doch die Skepsis des Soziologen ist groß: `Es wird am Ende darauf ankommen, ob wir die Welt nur zählen oder erzählen.`“
[Antje Korsmeier, Handelsblatt]

Weiterführende, aktuelle Literatur zum Thema:

Roberto Simanowski: „Facebook“, Matthes & Seitz: Berlin, Juni 2016. 238 Seiten, Hardcover (bedruckter Schutzumschlag). ISBN: 978-3-95757-057-4 / Preis: 20,00 Euro.
Roberto Simanowski: „Data Love“; Matthes & Seitz: Berlin, 2014; Data Love, Matthes & Seitz, Berlin 2014, ISBN 978-3-95757-023-9 / 14,80 Euro.
Jean Baudrillard: „Warum ist nicht alles schon verschwunden?“, Matthes & Seitz: Berlin, 2008; ISBN 978-3-88221-720-9 / 10,00 Euro.
Christoph Kucklick: „Die granulare Gesellschaft: Wie das Digitale unsere Wirklichkeit auflöst“, Ullstein Buchverlag: Berlin, 2016 (Taschenbuch); ISBN 978-3-54837-625-7 / 9,99 Euro.
Frank Schirrmacher (Hrsg,): „Technologischer Totalitarismus: Eine Debatte“, Suhrkamp Verlag: Berlin, 2015 (edition suhrkamp); ISBN 978-3-518-07434-3 / 15,00 Euro.
Evgeny Morozov: „Smarte neue Welt. Digitale Technik und die Freiheit des Menschen“, Blessing: München 2013, ISBN 978-3-89667-476-0 / 24,99 Euro.
Zygmunt Baumann: „Daten, Drohnen, Disziplin: Ein Gespräch über flüchtige Überwachung“, Suhrkamp Verlag: Berlin, 2013 (edition suhrkamp); ISBN 978-3-518-12667-7 / 16,00 Euro.
Byung-Chul Han: „Im Schwarm: Ansichten des Digitalen“, Matthes & Seitz: Berlin, 2013; ISBN 978-3- 88221-037-8 / 12,80 Euro.
Byung-Chul Han: „Transparenzgesellschaft“, Matthes & Seitz: Berlin, 2012; ISBN 978-3- 88221-595-3 / 10,00 Euro.