Das Tischgespräch

Sonntag, 28.08.2016

Buchcover Die Wiedergeburt der Ameisen

Beginn: 16.30 Uhr

Liao Yiwu
Wer die Geschichte vergisst wird keine Zukunft haben

Liao Yiwu der Friedenspreisträger des Deutschen Buchhandles 2012 präsentiert seinen neuen Roman Die Wiedergeburt der Ameisen [2016]

Gesprächsübersetzung: Karin Betz [siehe unter: Gäste 2016]
Deutsche Lesung: Thomas Streipert [siehe unter: Gäste 2016]

„Die Menschen aber sind das Fleisch und Blut der Geschichte,
die nur durch die Schicksale jedes einzelnen zu etwas Greifbarem wird.“
[Liao Yiwu]

Das Jahr 1989 wird für Europa immer mit einem Ereignis der Freiheit in Erinnerung bleiben: Am 9. November fiel die Berliner Mauer und es begann die Wiedervereinigung Deutschlands und West- und Osteuropas. In China wird das Jahr 1989 als ein Jahr der blutigen Unfreiheit in Erinnerung bleiben: Am 4. Juni 1989 ging die chinesische Armee mit Panzern und Gewehren brutal gegen die für ein demokratischeres China protestierende Bevölkerung auf dem Platz des Himmlischen Friedens, dem Tian`anmen-Platz in Peking vor. Dieses Ereignis und seine Folgen prägen das Leben des Dichters, Schriftstellers und Musikers Liao Yiwu bis heute.
Liao Yiwu wurde 1958 in der Provinz Sichuan in der Zeit der großen Hungersnot geboren, bei der weit über 20 Millionen Menschen in China den Tod fanden. Sein Vater, ein Hochschullehrer, bringt ihm schon im Alter von drei Jahren das Lesen und Vortragen klassischer Lyrik und Prosa bei. Während der Kulturrevolution 1966 wird er als Revolutionsgegner angeklagt und lässt sich zum Schutz der Kinder von seiner Frau scheiden. Zusammen mit seiner Mutter wächst Liao in großer Armut auf. Nach einer schwierigen Kindheit ohne regelmäßigen Schulbesuch reist er als junger Mann durch China und verdient sein Leben als Küchenhilfe und Lastwagenfahrer. In dieser Zeit kommt er mit westlicher Lyrik in Verbindung und beginnt, selbst zu dichten. In den 80er-Jahren zählt Liao mit regelmäßigen Veröffentlichungen in chinesischen Literaturmagazinen zu den bekanntesten jungen Dichtern Chinas. Weil er einige seiner Gedichte im Stile westlicher Lyrik auch in der Untergrund-Literaturszene veröffentlicht, wird er seitens der Regierung, die diese Art der Literatur als „geistige Verschmutzung“ beurteilt, auf die Schwarze Liste gesetzt.
Unter dem Eindruck der aufkommenden Unruhen im Land, verfasst Liao Yiwu kurz vor den Ereignissen des 4. Juni 1989 das Gedicht Massaker, welches die Geschehnisse auf dem Platz des Himmlischen Friedens visionär vorwegnimmt. Da er keine Möglichkeit sieht, das Gedicht zu veröffentlichen, nimmt er es auf Tonband auf, welches dann über die bestehenden Strukturen von Schwarzkopierer-Ringen in ganz China Verbreitung findet. Anschließend arbeite er an einem Film über die Ereignisse, dem er den Titel Requiem gibt. Als die Behörden von dem Projekt erfahren, wird er zusammen mit der Filmcrew und seiner schwangeren Frau verhaftet. Wegen „Verbreitung konterrevolutionärer Propaganda“ wird er zu vier Jahren Haft verurteilt. „Die Zeit im Gefängnis war das dunkelste Kapitel meines Lebens. Eine Zeit, in der ich meine Menschenwürde aufgeben musste“, sagt Liao Yiwu. Aufgrund internationalen Drucks kommt er 1994, wenige Tage vor Ablauf der Strafe, wieder frei.
Die Zeit im Gefängnis reißt ihn aus seinem bisherigen Leben heraus. Die Aufenthaltsgenehmigung an seinem Wohnort wird ihm entzogen, seine Frau hat ihn mit dem gemeinsamen Kind verlassen, Freunde und Schriftstellerkollegen wenden sich ab. Sein einziger Besitz ist eine Flöte, die er im Gefängnis zu spielen gelernt hat. Unter ständiger Polizeiüberwachung verdient er sich seinen Lebensunterhalt als Straßenmusiker und Gelegenheitsarbeiter in Restaurants, Teehäusern und Buchläden. Die Gespräche, die er im Gefängnis mit den Mitgefangenen geführt hat, die größtenteils aus den untersten Gesellschaftsschichten stammten, setzt Liao Yiwu, wieder in Freiheit, fort. Diese 2001 veröffentlichten Gespräche mit Menschen vom Bodensatz der Gesellschaft (auf Deutsch: Fräulein Hallo und der Bauernkaiser) durften in China zunächst erscheinen und wurden als eindringliches Porträt der gegenwärtigen chinesischen Gesellschaft gefeiert. Die Behörden bereuten ihre Entscheidung schnell und untersagten seitdem offiziell die Veröffentlichung weiterer Werke von Liao Yiwu. Inzwischen ist bereits die Nennung seines Namens in China verboten. Jeglicher Lebensgrundlagen enthoben, gelang Liao im Sommer 2011 über Vietnam die Flucht aus China. Seitdem lebt er in Berlin im Exil.
„Aber was ist mit der kleinen Geschichte der kleinen Menschen, der normalen Menschen? Das ist, was ich als meine Aufgabe sehe. Ich möchte das Schicksal von einzelnen Menschen in diesem Zeitgeschehen festhalten“, sagt Liao über seine schriftstellerische und gesellschaftliche Aufgabe. Im Jahre 2012 wurde er dafür mit dem Friedenspreis des Deutschen Buchhandels geehrt. Vor wenigen Tagen nun erschien sein neuestes Buch, der Roman Die Wiedergeburt der Ameisen. Hierin verwebt Liao auf poetisch abgründige Weise die Geschichte seiner Familie mit der Geschichte seines Heimatlandes, das ihn verstoßen hat. Außerdem ist es das Buch eines Menschen, der Demütigung und Folter im Gefängnis erfahren musste, nur weil er Gedichte schrieb.

Indem er als Poet und Zeitzeuge Einzelschicksale sammelt, stellt Liao Yiwu Würde wieder her, (…). Damit folgt er seiner tiefen Überzeugung, dass die Menschen viel dringlicher als jemanden, der im Namen der Geschichte spricht, jemanden brauchen, „der im Namen der Wirklichkeit die Stimme erhebt“. [Felicitas von Lovenberg, Laudatio auf Liao Yiwu, Friedenspreis des Deutschen Buchhandles 2012]