Der Lyrik-Abend

Freitag, 26. August 2016

Beginn: 19.30 Uhr (Einlass: 19.00 Uhr)

H I N W E I S:
Die Veranstaltung findet in der Auferstehungskirche am Kurpark, Bad Oeynhausen-Innenstadt statt!

Mit:
Ilma Rakusa, Roberta Dapunt und Nikola Madzirov
Die Welt wird sichtbar durch die Sprache der Dichtung

Gesprächsübersetzung: Alexander Sitzmann [siehe unter: Gäste 2016]
Deutsche Lesung: Thomas Streipert [siehe unter: Gäste 2016]
Musik: Harald Sieger [siehe unter: Gäste 2016]

„Anders als die Gesellschaft ist ein guter Lyriker immer schon im Besitz der Zukunft,
und seine Gedichte sind sozusagen eine Aufforderung an uns, sie zu kosten.“
[Joseph Brodsky]

Für den russisch-amerikanischen Literaturnobelpreisträger Joseph Brodsky waren Gedichte „die einzig verfügbare Versicherung gegen die Vulgarität des menschlichen Herzens“, die in der heutigen Zeit in vielen Bereichen des miteinander Umgehens und Zusammenlebens wieder ihr hässliches Antlitz zeigt. Da der Triumph des Hässlichen über das Schöne in zurückliegenden Zeiten jedoch stets die größten Übel über die Menschheit hereingebracht hat, leben wir möglicherweise in besorgniserregenden Zeiten. Der Zweck der Evolution ist deswegen für Brodsky die Schönheit, „die das alles überlebt und die Wahrheit einfach dadurch erzeugt, indem sie Geistiges und Sinnliches miteinander verschmilzt.“ Auf diese Weise kann sie auch die Entwicklung der menschlichen Zivilisation in eine gute Richtung lenken.
Ein Ausdruck von Schönheit ist die Poesie, denn sie ist die höchste Form der menschlichen Rede. Und so ist Brodsky vielleicht zu Recht besorgt, wenn sich eine Gesellschaft, weil sie ihren Dichtern nicht mehr zuhört, selbst zu niederen Ausdrucksweisen und damit zur Hässlichkeit verurteilt. Das ist mit ein Grund, weshalb er vorschlägt, man solle doch in allen Institutionen, im Parlament, im Verfassungsgericht, und überhaupt bei der Arbeit sofort morgens zu Beginn ein Gedicht lesen, weil sich damit das Verhältnis zur Sprache und also auch das Verhältnis zur Welt ändere.
Eben darin liegt die Möglichkeit der Poesie: Sie ist ein Akt der Liebe zur Sprache, die sie mit großer Sorgfalt, Genauigkeit und Schönheit ausstattet, um genau dieses Etwas in den unterschiedlichen Ausschnitten unserer Lebenswirklichkeiten zu fassen, wofür die Erfahrungen eines Lebens nicht ausreichen. Stellvertretend dafür stehen auch die Gedichte von Ilma Rakusa, Roberta Dapunt und Nikola Madzirov beim ersten Lyrik-Abend der Poetischen Quellen.

D E U T S C H L A N D W E I T E B U C H P R E M I E R E !
Ilma Rakusa
stellt erstmals ihren neuen Gedichtband Impressum: Langsames Licht [2016] vor.

„Einen Text, einen Raum mit Ilma Rakusa zu teilen, garantiert einem Schönheit und, was noch viel wichtiger ist, eine Verbindung zwischen Teilen, die sonst auseinanderfallen würden, und das, obwohl bzw. weil ihr Schreiben mit der Auslassung und der Verknappung arbeitet. Sie nimmt dich bei der Hand und führt dich hindurch. (…). Wenn sonst keine Poesie da ist, wird sie durch Ilma erschaffen“, schreibt die Schriftstellerin Terezia Mora über Ilma Rakusa. Auch wenn nach immerhin 15 Jahren erst jetzt mit Impressum: Langsames Licht ein neuer Gedichtband von ihr erscheint, kann man nicht sagen, dass sie sich damit als Dichterin in Erinnerung ruft, denn jedem Buch von ihr, das zwischenzeitlich erschienen ist – sei es ein Roman, ein Essay oder Erzählungen – hat man angemerkt, dass hier eine Dichterin schreibt. Eines der schönsten Beispiele dafür ist ihr als „Erinnerungspassagen“ umschriebenes biographisches Buch Mehr Meer aus dem Jahr 2009, wofür die sie den Schweizer Buchpreis erhielt. In ihrem wunderbaren Essay Langsamer! erzählt Rakusa, dass sie nicht nur einer Schreiberin von Gedichten ist, sondern auch eine passionierte Leserin: „Mit Gedichtbänden in der Tasche streifte ich durch alle möglichen Landstriche. Und ich muß gestehen, daß die Wahrnehmung, die die Verse mir erschlossen, an Genauigkeit, Frische und Extravaganz jeden kommunen Blick auf die Wirklichkeit übertraf.“ Genau dies trifft auch auf ihre eigenen Verse zu, die der slowenische Dichter Aleš Šteger als eine „Archäologin des Lichts“ beschreibt. Das Licht spiegelt sich in der Einfachheit und Musikalität ihrer Poesie wider, vor allem in dem Streben nach Klarheit. So bewegen sich ihre Gedichte auf der Suche nach dem Ausdrückbaren einer Wahrheit, die noch hinter der Wahrnehmung einer vergänglichen Zeit liegt. Der französische Dichter René Char beschrieb diesen stets strahlenden Funken Hoffnung, der auch in der Poesie Ilma Rakusas glüht, wie folgt: „Auf jedes Zusammenbrechen der Beweise antwortet der Dichter mit einer Salve Zukunft.“
Ilma Rakusa wurde 1946 als Tochter eines Slowenen und einer Ungarin in Rimavská Sobota (Slowakei) geboren. Ihre frühe Kindheit verbrachte sie in Budapest, Ljubljana und Triest. 1951 übersiedelte sie mit den Eltern in die Schweiz. Bis heute lebt sie in Zürich, wo sie als Schriftstellerin, Literaturkritikerin, Publizistin und Übersetzerin aus dem Russischen, Ungarischen, Serbokroatischen und Französischen arbeitet.

„Diese Schönheitsempfindlichkeit, diese Erfüllung der Welt mit Poesie ist die besondere Befähigung dieser Autorin, und eine andere ist es, den Leser damit anzustecken. Das Mittel dazu ist das treffende Wort, das Dichterwort.“
[Martin Ebel, Laudatio auf Ilma Rakusa zur Verleihung des Schweizer Buchpreises]

Roberta Dapunt
stellt ihren neuen Gedichtband dies mehr als paradies [2016] vor.

Roberta Dapunt, Buchcover dies mehr als paradies

In ihrem Essay eine einfache rede schreibt Roberta Dapunt: „Erfahren wird Poesie in der Einfachheit der Dinge (…). Aufgabe des Dichters ist es, die Dinge so zu sagen, wie sie sind, wenn sie gelebt sind, wenn sie von Herz und Geist durchdrungen sind. Die Dichtung führt naturgemäß zu einer Verlängerung des eigenen Lebens, Ausdruck ist sie nicht nur von sich selbst, sondern, ganz einfach und noch einmal, vom Leben“. Um diese sich selbst gestellte Aufgabe bewältigen zu können, ist das Wort „Zugehörigkeit“ (ital.: „apparteneza“) für Roberta Dapunt die Grundlage jedes geschriebenen Gedichts. „Ich bin der Auffassung, dass es das erste Gebot des Schreibens ist, die eigene Herkunft zu bezeugen, die innerliche und die körperliche Herkunft. Von hier aus geht man los, um weiterzukommen.“, sagte sie in einem Gespräch mit dem italienischen Netzkulturmagazin lestroverso.it. Ein zweites wichtiges Wort ist die „Stille“: „Die Stille bleibt oft ungehört, wir vergessen sie, weil wir zu viel Lärm machen, …“ Die Gedichtzeilen von Dapunt, in denen sich die Wörter mit den Elementen der Stille in einer so einfachen und gleichzeitig so klugen Weise abwechseln, sind immer auch ein Dialog mit dem Heiligen, aber es ist das Heilige, das sich in den Geheimnissen des Alltäglichen offenbart. Gemeint ist damit eine heilige Klarheit und Eindeutigkeit, die sich in der Erde, in den Rhythmen der Natur, in den Jahreszeiten wiederfindet, die sich äußert in einem Leben in den Bergen und in den Riten, die sich mit den Menschen dort und ihren nicht an die Zeit, sondern an die Natur gebundenen Gesten verbindet; die sich nicht zuletzt äußert in einem Zusammenleben mit den Tieren und – eben – in der Stille und der Zugehörigkeit zu diesem Platz der Erde.
Roberta Dapunt wurde 1970 in Abtei/Badia in Italien geboren, welches zu den fünf mehrheitlich ladinischsprachigen Gemeinden des Gadertals (Val Badia) gehört und von den Gebirgsmassiven der Dolomiten umringt wird. Zusammen mit ihrem Mann, dem Bildhauer Lois Anvidalfarei, lebt und arbeitet sie heute auf dem alten Bauernhof Ciaminades, der nahe zu Badia gelegen ist. Sie schreibt in italienischer und ladinischer Sprache. „Ciaminades ist ein Mikrokosmos, der für mich jedoch die ganze Welt enthält“, sagt Dapunt. „Hier geschieht alles, Geburt und Tot, Krankheit und Arbeit auf den Feldern, Schreiben und Stille.“ Es ist diese existentielle Erfahrung von Welt, die Dapunt zu den interessantesten Dichterinnen einer jüngeren zeitgenössischen Lyrikergeneration nicht nur in Italien macht.

„Dichtung, die nicht singt, die durch bescheidene und anspruchslose Verse ihren Ausdruck findet, da sie in einer Stille zwischen Erbarmen und Erstaunen zu klingen aufhören.“
[Giovanni Tesio, LA STAMPA/tuttolibri, Turin]

Nikola Madzirov
stellt seinen Gedichtband Versetzter Stein [2011] vor.

Nikola Madzirov, Buchcover Versetzter Stein

Für Nikola Madzirov verändert die Dichtung die Welt nicht, vielmehr hilft sie dabei, die Welt zu erschaffen. Auf die Frage, woran er gerade arbeite, sagte er dem California Journal of Poetics: „Woran ich ständig arbeite ist der Kampf gegen die vererbte Idee nach einem festen Zuhause, einer unveränderbaren Sprache und einer endgültigen Wahrheit.“ Die Antwort drückt aus, wovon viele seiner Gedichte handeln: Sie beschreiben eine geradezu spirituelle Heimatlosigkeit, die Madzirov aus innerem Antrieb und eigener Erfahrung heraus bewusst positiv auslegt: Als einen offenen Raum, in dem die Möglichkeit des Wandels immer besteht. Diese positive Zuwendung zur Welt und zum Leben findet ihren Widerhall in der Einfachheit und Leichtigkeit seiner Verse, in denen oftmals von „Umarmungen“ die Rede ist. So heißt es in dem Gedicht „Anwesenheit“: Sei allein, aber nicht einsam, / damit dich der Himmel umarmen kann. / Damit du die einsame Erde umarmen kannst.
Zeit, Raum und Stille sind die Weiten, in die sich die Gedichte Madzirovs ausdehnen: „Für mich haben Raum und Zeit viele Ebenen. Gadamer, einer meiner liebsten Philosophen, unterscheidet zwei Arten von Zeit: zum einen die Zeit der Dinge und zum anderen unsere Zeit. Die Zeit der Dinge steht in einem sozialen Kontext, das ist die Zeit für die Dinge, die wir tun müssen. Die zweite Zeit ist die Zeit unserer Kindheit, die Zeit unseres Lebens, die Zeit unseres Todes. Wir leben im Dazwischen dieser beiden Zeiten und zwischen ihnen liegt der Raum“. Schon sein Nachname „Madzirov“ kann als Hinweis auf eine Bewegung durch Zeit und Raum gelesen werden: Seine Vorfahren waren durch die Balkankriege 1912/13 gezwungen, aus dem Teil Mazedoniens wegzuziehen, der heute noch zu Griechenland gehört. Sie wurden „madziri“ genannt, was so viel wie „Menschen ohne Zuhause“ bedeutet. Das Wort stammt aus dem Arabischen und bezeichnete die Anhänger Mohammeds, die mit ihm von Mekka nach Medina gezogen sind.
Nikola Madzirov wurde 1973 in Strumica nahe der bulgarischen Grenze geboren. Seit gut einem Jahrzehnt feiert er in der internationalen Lyrikszene Erfolge und findet mit seinen in dreißig Sprachen übersetzten Gedichten überall auf der Welt begeisterte Leser.

„Wie dem eigenen Namen ist auch den Gedichten Nikola Madzirovs eine stimulierende Bewegung eingeschrieben. Verlust und Suche nach Neuem, die Gleichzeitigkeit von Gegenwart und Vergangenheit, das Aufeinandertreffen von Vergänglichkeit und Wiederkehr. (…) Er ist ein Chronist der Ungewissheiten und Übergänge. Nie haben diese in seiner Lyrik aber etwas Beängstigendes. (…).So lesen sich alle Gedichte des Makedoniers als Aufforderung, sich und seine Sicht auf das Leben neu zu positionieren.“
[Carsten Hueck, Deutschlandradio Kultur]