Die Autorenbegegnung I

Donnerstag, 25. August 2016

Beginn: 19.30 Uhr (Einlass: 19.00 Uhr)

Arnold Stadler und Andreas Maier
Das Leben im Rausch zwischen Erinnerung und Sehnsucht

Arnold Stadler
präsentiert erstmals seinen neuen Roman Rauschzeit [2016]

Genau heute, an diesem Tag, erscheint nach gut vierjähriger Wartezeit der neue große Roman des Schriftstellers Arnold Stadler. Sein Titel heißt Rauschzeit und sollte ursprünglich noch mit dem Untertitel oder Die Welt war der Ort, wo die Zeit uns davonlief versehen werden. Erzählt wird die Geschichte von Alain und Mausi, die sich, beide vierzigjährig und seit 15 Jahren miteinander verheiratet, in der Mitte ihres Lebens angekommen fragen: „Was ist Glück? Nachher weiß man es.“ Mit dieser Feststellung beginnt der Roman und mit derartigen Sätzen hat auch das Schreiben insgesamt bei Arnold Stadler begonnen: „… dieser indikativische Vergegenwärtigungszustand, es sind Bilder in kleinen einsilbigen Sätzen, das ist das Urbild eines Satzes bei mir, damit hat mein Schreiben angefangen.“ Auch sein neuer Roman fährt wie in einem Rausch mit diesen kurzen Sätzen auf der Suche nach einer Vergegenwärtigung des Lebens im Glück, in der Liebe, in der Sehnsucht fort. Obwohl alle Figuren dabei, wie im Leben, stets Rückschläge hinnehmen müssen, heißt es dennoch immer wieder. „Und ich war schon ganz verzweifelt, weil ich immer noch so viel Hoffnung hatte.“
Arnold Stadlers Romane kommen, je länger er schreibt, immer trotziger wie eine Litanei des Ja-Sagens und des Lebens daher. Das Wissen um die Vergänglichkeit und die immerwährende Sehnsucht sind sein Thema. Hier haben wir es mit einem Schriftsteller zu tun, der keine Angst hat, sich zu wiederholen, weil er genau weiß, dass auch unser aller Leben eine ständige Wiederholung und ein ständiger Wechsel von Glück und Unglück ist. Dabei ist das Leben einfach, auch wenn wir versuchen, von der Wahrheit abzulenken, indem wir es mit hohlen Worten wie Globalisierung, Transparenz, Kapitalismus, Kompetenz, Selbstoptimierung usw. usw. verhüllen. Stadler spürt diese leeren Hüllen auf, er schreibt uns wieder das Leben auf unseren nackten Leib und enthüllt dabei unseren Unglauben an die Vergänglichkeit des Lebens. Die grandiose Art, wie Stadler dies tut, lässt ihn zu einem der bedeutendsten deutschsprachigen Aphoristiker werden, der mit seinem Werk immer wieder an seiner und an unser aller Partitur des Lebens weiterschreibt, weil die Zukunft seine Sehnsucht ist und die Erinnerung an die Vergangenheit sein Heimweh.
Arnold Stadler, 1954 im südbadischen Meßkirch geboren, wächst auf einem Bauernhof im benachbarten Dorf Rast auf, wo er heute noch lebt. Nach einem Studium der katholischen Theologie in München und Rom, promoviert er schließlich in Freiburg und Köln in Germanistik. 1999 erhielt er den Georg-Büchner-Preis, den bedeutendsten Literaturpreis Deutschlands.

„Dass ein Mensch leben muss und leben können will mit dem, was er ist und wie er nicht anders sein kann, das lese ich bei Stadler.“ [Andreas Maier, Die Zeit]

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Andreas Maier
präsentiert erstmals seinen neuen Roman Der Kreis [2016]

„Ich möchte mich einmal an den Punkt schreiben, an dem ich etwas über mein Leben, meine Heimat, meine Familie, die Zeit, in der ich gelebt habe, sagen kann“, sagte Andreas Maier in einem Gespräch, kurz nachdem er seinen Romanzyklus „Ortsumgehung“ zu schreiben begonnen hatte. Nach Das Zimmer, Das Haus, Die Straße und Der Ort erscheint jetzt der fünfte Roman dieses umfassenden zunächst auf 11 Romane angelegten Werkes. Sein Titel: Der Kreis. Ausgehend von den Entdeckungen in der Stille der mütterlichen Bibliothek beschreibt der Roman die Erweiterung des Lebenskreises seines Ich-Erzählers durch die gesamte Schulzeit von der Grundschule bis in die Oberstufe. Am Ende steht die Einsicht, dass das Eigentliche des Leben nicht aus seiner Verklärung, Anbetung oder Mythisierung entspringt, sondern einzig aus der Tatsache, das Leben zu leben, es einfach selbst zu tun.
Als „Versuch einer Rekonstruktion dessen, warum ich so bin, wie ich bin“, umschreibt Andreas Maier seine Arbeit an dem Romanzyklus auch. Dabei geht es ihm „nie um die Erinnerung oder Bewahrung von etwas, sondern darum, einen rhetorisch-polemischen Standpunkt zu uns Menschen und unseren zivilisatorischen Handlungen einzunehmen. Dafür dient mir die Zeitspanne zwischen früher und jetzt.“ Vor diesem Hintergrund erzählt er das individuelle Schicksal seines Ich-Erzählers, wobei er stets auf der Suche nach einem Wortlaut für „das Bezogensein des Menschen auf die Wahrheit“ ist, wie er es in seiner Frankfurter Poetikvorlesung Ich schreibt. So ist die Bibliothek für seinen Erzähler schon gleich zu Beginn der ganze Weltkreis seines Lebens, aus dem heraus die Grundbegriffe unseres Menschseins hinterfragt werden. Wie im Rausch liest man, was Andreas Maier geschrieben hat, und das ist gut so, denn im Rausch kommt man manchmal der Wahrheit über das Leben näher, weil man sich in diesem Zustand nicht nur sich selbst, sondern auch den anderen gegenüber entgrenzt.
Andreas Maier wurde 1967 im hessischen Bad Nauheim geboren. Er studierte Altphilologie, Germanistik und Philosophie in Frankfurt am Main und ist Doktor der Philosophie im Bereich Germanistik. Für die Literaturzeitschrift Volltext schreibt er regelmäßig die Kolumne „Neulich“. Sein in mehr als zehn Sprachen übersetztes Werk wurde mit zahlreiche Preisen und Stipendien ausgezeichnet. Andreas Maier wohnt in Hamburg.



„Maier schreibt, wenn man so will, an einer zeitgenössischen Suche nach der verlorenen Zeit, an einer modernen Éducation sentimentale, an einer Welt von gestern (…).Denn wenn wir diese Bücher lesen, begegnen wir uns auch selber, wir sehen uns größer werden neben dem Kind Andreas und wir werden Teil dieser Geschichten, durch die wir blättern wie in einem Familien-Fotoalbum.“ [Bernd Noack, Nürnberger Nachrichten]