Die Autorenbegegnung III

Samstag, 27. August 2016

Beginn: 18.00 Uhr
Joumana Haddad im Gespräch mit Rasha Khayat
Die Hoffnung ist auf Seiten der Mutigen

Joumana Haddad
präsentiert ihr Buch Wie ich Scheherazade tötete. Bekenntnisse einer zornigen arabischen Frau [2010].

Gesprächsübersetzung und deutsche Lesung: Holger Ehling [siehe unter: Gäste 2016].

Von 2014 bis 2016 wurde Joumana Haddad vom Wirtschaftsmagazin Arabian Business für ihre kulturellen und sozialen Aktivitäten zu den 100 mächtigsten Frauen in der arabischen Welt gewählt. Dabei ist sie eine der größten Kritikerinnen eben dieser Welt. Sie empört sich vor allem gegen den religiösen Extremismus, der die Hauptursache aller Probleme im politischen wie im privaten Leben der Menschen darstellt. Als Schriftstellerin, Lyrikerin und Journalistin setzt sie sich vornehmlich mit den Themen Sexualität, Religion und Körper auseinander. Für sie sind es hauptsächlich die sexuellen Tabus, die immense Spannungen und Frustrationen im Zusammenleben zwischen Mann und Frau hervorbringen und ein normales Miteinanderleben in der Gesellschaft unmöglich machen.
Im Gespräch mit dem Internetprotal Qantara.de - Dialog mit der islamischen Welt formulierte Haddad eine Botschaft, die sie auch mit ihrem offenen, biografischen Buch Wie ich Scheherazade tötete ausdrücken wollte: „Ich glaube an die Solidarität zwischen Menschen. Ich glaube, dass Männer und Frauen gemeinsam für eine würdevollere Welt kämpfen sollten.“ Und: „Bevor man die andere Person ändert, hat man die Verantwortung, sich selbst zu ändern.“ Bereits 2010 erschienen, hat ihr Buch nichts an Aktualität verloren, weil mutige Fürsprachen, die sich zur Eigenständigkeit und Selbstbestimmung jedes Einzelnen bekennen, heute wieder notwendiger sind denn je.
Joumana Haddad versteht sich in erster Linie als Dichterin. Der Literatur gesteht sie im Kampf für individuelle Autonomie und gesellschaftliche Freiheit eine besondere Rolle zu, denn Literatur besitzt die Fähigkeit, „uns zu befreien und zu bereichern, egal ob wir bereit sind für das, was die Literatur uns anbietet.“
1970 in Beirut geboren, wuchs Joumana Haddad in einem streng katholischen Elternhaus auf. Eine Befreiung von der traditionsorientierten Erziehung und von den Erschütterungen des libanesischen Bürgerkriegs, der ihre Kindheit und Jugend prägte, fand sie in der riesigen Bibliothek ihres Vaters. Heute leitet sie das Feuilleton der größten und wichtigsten libanesischen Tageszeitung An-Nahar. Daneben lehrt sie Italienisch und Spanisch an der Libanesisch-Amerikanischen Universität in Beirut, wo sie mit ihren beiden Söhnen lebt.

„Der Stolz, eine freie, hochgebildete, weitgereiste und dabei zugleich modebewusste und lebenslustige Frau zu sein, dieser Stolz schwingt durch jede Zeile und versieht das Buch mit einem Optimismus, der auch vor den Schilderungen einer schmerzhaften Kindheit im libanesischen Bürgerkrieg (…) nicht verblasst. Es ist ein Optimismus, der vom unerschütterlichen Glauben an die Freiheit des Einzelnen lebt, sein Schicksal selbst zu wählen.“
[Stefan Weidner, Frankfurter Allgemeine Zeitung]

……………………………………

Rasha Khayat
stellt ihren ersten Roman Weil wir längst woanders sind [2016] vor.

„Ich möchte ein Fenster öffnen in eine Welt, die offenbar vielen Menschen noch Rätsel aufgibt. Ich glaube, dass Humor dabei eine wichtige Rolle spielt, weshalb ich oft versuche, die Absurditäten beider Welten einander gegenüber zu stellen“, erzählte Rasha Khayat in einem Gespräch nach Erscheinen ihres Debütromans. Bereits der Titel Weil wir längst woanders sind weist auf das zentrale Thema des Romans hin: Es geht um die Bewegung von Menschen, die zwischen zwei Kulturen stehen. Khayat erzählt die Geschichte von Basil und Layla, eines Geschwisterpaares, das sich untrennbar zusammengehörig fühlt. Als Layla die Entscheidung trifft, einen Mann aus ihrer alten Heimat Saudi-Arabien zu heiraten und zurück in ihr Ursprungsland zu ziehen, verändert sich einiges. Zur Hochzeit seiner Schwester reist Basil nach Saudi-Arabien. Er will die Nähe seiner Schwester spüren und verstehen, weshalb diese nicht-religiöse, freiheitsliebende junge Frau sich für das Leben in einem Land entschieden hat, in dem Frauen alles andere als frei sind. Dabei muss Basil sich selbst mit seiner Vergangenheit und mit seinem Gefühl des Hin-und Hergeworfenseins zwischen zwei Welten auseinandersetzen. Das fällt weder ihm, noch den Lesern des Romans leicht. Aber als Schriftstellerin glaubt Khayat fest an die Macht von Literatur und Kunst, die darin besteht, die Empathie des Lesers anzusprechen: „Die Welt ist nicht schwarz-weiß, selbst dann nicht, wenn es um arabische Länder geht. Ich sehe meine Aufgabe als Autorin darin, dem Leser eine möglichst wertfreie Grundsituation anzubieten, damit er selbst entscheiden kann, welche Position er besser verstehen, wem er sich näher fühlen möchte.“ Um jedoch eigenständig eine Entscheidung treffen zu können, braucht es geistige Bewegungsfreiheit. Diese ist vielleicht die einzig wahre Verortung des Individuums, oder, wie es ein arabisches Sprichwort im Roman ausdrückt: „Haraka Baraka“ – „Bewegen heißt Segen“!
Rasha Khayat wurde 1978 als Tochter einer deutschen Mutter und eines saudiarabischen Vaters in Dortmund geboren. Bis zum Alter von 11 Jahren wuchs sie in Dschiddah, Saudi-Arabien, auf. Dann siedelte die Familie nach Deutschland zurück. Khayat studierte Literaturwissenschaften, Germanistik und Philosophie in Bonn. Seit 2005 lebt sie in Hamburg, wo sie als freie Autorin, Übersetzerin aus dem Englischen und Arabischen und als Lektorin arbeitet. Seit dem Jahr 2010 betreibt sie ihren Blog West-Östliche Diva. Das deutsche Fenster zu Arabistan.



“Ihr gradlinig erzählter Roman unternimmt den Versuch, Vorurteilen die Schwere zu nehmen und gleichzeitig die uneingeschränkte Selbstbejahung des Westens zu relativieren. Das kann derzeit nicht schaden.“ [Christoph Schröder, DIE ZEIT]