Die Gäste 2017

Dževad Karahasan

© faktor.ba

Schriftsteller
und Präsident des bosnisch-herzegowinischen Schriftstellerverbands
„Seit ich erzähle, bewusst erzähle, versuche ich, Sarajevo zu erzählen“, sagte Dževad Karahasan 2012 gegenüber der Deutschen Welle. Kurz zuvor erhielt er die Goethe-Medaille, einen Preis der Menschen ehrt, die sich vor allem um den Kulturaustausch verdient gemacht haben. Karahasan, der dieser Auszeichnung mehr als würdig ist, sieht sich eigentlich nicht als Brückenbauer: „Für mich ist es vollkommen normal, dass die Menschen, eben weil sie mit Geist beschenkt wurden – oder durch den Geist verflucht worden sind – in mehreren Kulturen leben und sich ihrer Identität als ein fließendes Phänomen bewusst sind“, sagt er.
So ist es nicht nur Karahasan, der Sarajevo erzählt, sondern es ist auch die Stadt Sarajevo, die Karahasan erzählt. Denn einerseits ist diese Stadt wie ein Buch, indem Sie die Zeit in ihren Straßen, Plätzen, Denkmälern, Gebäuden, Museen, Kirchen, Restaurants, Geschäften, Bahnhöfen und Parks in sich speichert. Andererseits ist Karahasan der Mensch, den die Stadt in ihren Straßenzügen, Café`s, Häusern, Parks, auf ihren Bahnhöfen und Friedhöfen in sich aufnimmt, damit er von ihrem Wesen und ihrer Identität erzählen kann. Beides bildet sich aus dem Nebeneinander, Miteinander und Gegeneinander der verschiedenen Architekturen, Menschen, Konfessionen, Ethnien, Sprachen immer wieder neu heraus und stellt in ihrer kulturellen Mehrstimmigkeit für Karahasan eine idealtypische Metapher der Welt dar. Zuerst wäre es aber schon viel wert, wenn die Stadt als mögliche Vorstellung für ein zukünftiges Europa stünde. Wie das funktionieren könnte, kann man in den Büchern Karahasans lesen: Alles beginnt mit einem Gespräch zwischen Menschen, die sich nicht gleichgültig gegenüber stehen und die erfahren haben, dass die fremde Identität eine Bedingung für das Verstehen und Artikulieren der eigenen Identität ist.
Karahasan wurde 1953 in Duvno im heutigen Bosnien-Herzegowina als Sohn einer Muslimin und eines Kommunisten geboren. Obwohl muslimischen Glaubens, besuchte er eine Franziskanerschule und wurde in den klassischen Sprachen, Philosophie und Theologie unterwiesen. Anschließend studierte er Literatur- und Theaterwissenschaften in Sarajevo. 1993 floh er gemeinsam mit seiner Frau aus der belagerten und umkämpften Stadt. Mit zahlreichen Literaturpreisen ausgezeichnet, gehört Karahasan zu den bedeutendsten europäischen Gegenwartsautoren. Neben seiner Arbeit als Schriftsteller ist er Präsident des bosnisch-herzegowinischen Schriftstellerverbandes. Er lebt in Sarajevo und in Graz.

„Wer den bosnischen Schriftsteller Dževad Karahasan jemals erlebt hat, kennt den philosophischen Überschuss, der seiner Rede innewohnt. (…) Die zahllosen Schätze, die er mit didaktischem Charme, theatralischer Verve und luzidem Humor ausbreitet, erzeugen im Zuhörer einen Taumel.“ [Andreas Breitenstein, Neue Zürcher Zeitung]

BIBLIOGRAPHIE (AUSWAHL):

„Der Trost des Nachthimmels“. Suhrkamp Verlag: Berlin, 2016, ISBN: 978-3-518-42531-2 / 26,95 Euro.
„Sara und Serafina“. Suhrkamp Verlag: Berlin, 2014, ISBN: 978-3-518-46521-9 / 8,99 Euro.
„Berichte aus der dunklen Welt“, Insel Verlag, Frankfurt a.M., 2007, ISBN: 978-3-458-17337-3; 19,80 Euro.
„Die Schatten der Städte. Essays“, Insel Verlag, Berlin, 2010, ISBN: 978-3-458-17451-6; 17,80 Euro.
„Der östliche Diwan“, Wieser Verlag, Klagenfurt/Celovec, 19942, ISBN: 978-3-8512-9462-0 / 25,80 Euro.
„Tagebuch der Aussiedlung“, Wieser Verlag, Klagenfurt/Celovec, 1993, ISBN: 978-3-8512-9118-6 / 14,80 Euro.
„Königslegenden“, Galrev: Berlin, 1996; ISBN: 978-3-9101-6173-3 / 12,50 Euro.
„Der nächtliche Rat“, Insel Verlag, Frankfurt a.M., 2006, ISBN: 978-3-458-17291-8, 9,95 Euro.
„Das Buch der Gärten: Grenzgänge zwischen Islam und Christentum“, Insel Verlag, Frankfurt a.M., 2002, ISBN: 978-3458-17136-2 / 19,90 Euro.
„Die Fragen an den Kalender“, edition selene: Klagenfurt, 1999, ISBN: 978-3-85266-118-6.
„Schahrijars Ring“. Rowohlt: Berlin, 1997, ISBN: 3-87134-239-4.

Divanhana

© Aida Redžepagic

Weltmusikgruppe aus Sarajevo

Was für Portugal der Fado, ist für Bosnien-Herzegowina der Sevdah oder auch „Sevdalinka“ genannt: musikalisches Kulturerbe voller Melancholie, Liebe, Leidenschaft, Leiden und Sehnsucht. Die aus Sarajevo stammende Gruppe Divanhana um Sängerin Naida hat sich dieser Musik verschrieben und verwebt sie gekonnt mit zeitgenössischen Arrangements aus Jazz, Klassik und Pop.
Mit ihren „Sevdalinka“ fügt Divanhana so dem Porträt einer vielstimmigen Stadt einen traditionellen musikalischen Schatz mit großer emotionaler Kraft in seiner vollen Schönheit und Vielfältigkeit hinzu.
Die Band, die sich im Jahr 2009 aus einer Gruppe junger Studenten von der Sarajevoer Musikakademie gegründet hat, hat mit ihren faszinierenden Neuinterpretationen schon in den renommiertesten Konzertsälen und auf den größten Festivalbühnen in ganz Europa gespielt. 2012 wurde Divanhana zu einem Auftritt auf der Weltmusikmesse „Womex“ in Thessaloniki eingeladen, und war im selben Jahr zum namhaften „12 Points“-Jazz-Festival in Porto zu Gast. In ihrer Heimat zählen Divanhana als die „Meister der Sevdalinka“ – und das zu Recht!

Divanhana sind:

Naida Čatić – Gesang
Neven Tunjić – Klavier
Nedžad Mušović – Akkordeon
Azur Imamović – Bassgitarre
Rifet Čamdžić – Schlagzeug
Irfan Tahirović - Percussions

DISCOGRAPHY (AUSWAHL):
Zukva: Sevdah From Bosnia's Finest; CD / Label: ARC / Bestellnummer: 8477837 / Erscheinungstermin: 05.02.2016; 17,99 Euro.

Ilija Trojanow

© Thomas Dorn

Schriftsteller, Übersetzer, Verleger

Als „Mann ohne Grenzen“ wurde Ilija Trojanow kurz nach Erscheinen seines Romans Der Weltensammler 2006 bezeichnet. Tatsächlich ist genau dies, die Grenzüberschreitung verbunden mit einer staunenden Neugier dem Unbekannten und Fremden gegenüber, das bestimmende Merkmal der gesamten schriftstellerischen Arbeit dieses wissbegierigen Nomaden zwischen Orient und Okzident. „Ich denke, dass ich eine gewisse Verantwortung habe, über bestimmte Themen zu schreiben. Und wenn ich so genau und so gut darüber schreibe, dass ich eine kleine Wirkung erziele, ist es besser, als betroffen zu sein. Denn Betroffenheit ist kein Rettungsring“, sagte Trojanow vor Kurzem gegenüber der Grazer Kleinen Zeitung zum Erscheinen seines neuen Buches Nach der Flucht. Dies trifft das zweite Merkmal seines Schreibens: die Bereitschaft, Verantwortung zu übernehmen. Mit beidem, Grenzüberschreitung und Verantwortung, kommt Trojanow der Idee einer „Weltliteratur“ nah, wie schon Goethe sie vor gut 200 Jahren bei seiner Beschäftigung vor allem mit der persischen Literatur im Sinn hatte: Auch Trojanow geht es um Selbsterkenntnis durch die Wahrnehmung des Anderen, um die Erfahrung und Erneuerung von Bekanntem durch die Begegnung mit dem Unbekannten. Es geht ihm um die gegenseitige Bereicherung durch den Beginn eines Gesprächs, kurz: um den beglückenden und manchmal auch verstörenden Zusammenprall der Kulturen, der für Trojanow immer auch ein Plädoyer für Übersetzung, Vielsprachigkeit und Vielfalt darstellt. Kulturen und Zivilisationen können sich nur durch ein Zusammenfließen weiter entwickeln, ist Trojanow überzeugt, weshalb ihn auch die Reaktionen Europas auf die Flüchtlinge bestürzt: „Wenn die westliche Welt sich abschotten will, so glaubt sie an das Ende der Geschichte. Sie glaubt, dass ihr System das beste und letzte ist, dass die westliche Kultur abgeschlossen und fertig ist. Sie ist dem Tod geweiht.“ Dem setzt Trojanow eine Hoffnung entgegen, die sich schon im Titel seines ersten Romans formuliert: „Die Welt ist groß und Rettung lauert überall“.
Ilija Trojanow, 1965 in Sofia, Bulgarien geboren, kam durch die Flucht seiner Eltern 1971 nach Deutschland. Er lebt heute in Wien und arbeitet als Schriftsteller, Übersetzer und Verleger.

Ilija Trojanow ist ein dichtes, hochkonzentriertes Buch gelungen - eine poetische Meditation über eine der grundlegenden Erfahrungen der Gegenwart: das Fremdsein.“
[Günter Kaindlstorfer, Österreichischer Rundfunk]

BIBLIOGRAPHIE (AUSWAHL):

„Nach der Flucht. Ein autobiographischer Essay“, Fischer. Frankfurt a.M., 2017, ISBN: 978-3-10-397296-2, 15,00 Euro.
„verwurzelt in stein. Gedichte, zweisprachig“, Verlag Das Wunderhorn. Heidelberg, 2017, ISBN: 978-3-88423-575-1, 17,80 Euro.
„Macht und Widerstand“, Fischer. Frankfurt a.M., 2017, ISBN: 978-3-596-03455-0, 12,00 Euro.
„Der Weltensammler“, Carl Hanser Verlag. München, 2006, ISBN: 978-3-446-25168-7, 24,90 Euro. / als Taschenbuch, 2007; ISBN: 978-3-423-13581-8: 9,90 Euro.
„Kampfabsage. Kulturen bekämpfen sich nicht – sie fließen zusammen“, Fischer. Frankfurt a.M., 2016, ISBN: 978-3-596-29610-1, 10,99 Euro.
„Meine Olympiade. Ein Amateur, vier Jahre, 80 Disziplinen.“, Fischer. Frankfurt a.M., 2016, ISBN: 978-3-10-080007-7, 22,00 Euro.
„Der überflüssige Mensch“, dtv. München, 2015, ISBN: 978-3-423-34854-6, 7,90 Euro.Ilija Trojanow, Susann Urban:
„Durch Welt und Wiese oder Reisen zu Fuß“, Die andere Bibliothek, 2015, ISBN: 9783847703709, 42 Euro.„Wissen und Gewissen“, Carl Hanser Verlag. München, 2014, ISBN: 978-3-446-24826-7.
„EisTau“, dtv. München, 2014, ISBN: 978-3-423-14288-5, 8,90 Euro.
„Wo Orpheus begraben liegt“, Carl Hanser Verlag. München, 2013, ISBN: 978-3-446-24341-5, 24,90 Euro.
„Die Versuchungen der Fremde: Unterwegs in Arabien, Indien und Afrika“, Malik/National Geographic. 2011, ISBN: 978-3890294049, 20 Euro
.Ilja Trojanow, Juli Zeh: „Angriff auf die Freiheit. Sicherheitswahn, Überwachungsstaat und der Abbau bürgerlicher Rechte.“, dtv. München, 2010, ISBN: 978-3423346023, 11,90 Euro.
„Der entfesselte Globus“, dtv. München, 2010, ISBN: 978-3-423-13930-4, 9,90 Euro.„Die Welt ist groß und Rettung lauert überall“, dtv. München, 2009, ISBN: 978-3-423-13871-0, 10,90 Euro.
„An den inneren Ufern Indiens. Eine Reise entlang des Ganges“, Piper. München, 2008, ISBN: 978-3492246323.„Nomade auf vier Kontinenten. Auf den Spuren von Sir Richard Francis Burton“, dtv. München, 2008. ISBN: 978-3423137157, 12,90 Euro.
„Zu den heiligen Quellen des Islam. Als Pilger nach Mekka und Medina“, Malik/National Geographic, 2007, ISBN: 978-3492246095, 12,99 Euro.
„Gebrauchsanweisung für Indien“, Piper. München, 2006, ISBN: 978-3-492-27552-1, 14,99 Euro.
Ilija Trojanow, Rudolf Spindler: „Autopol“, dtv. München, 1997, ISBN: 978-3-423-24114-4, 12,27 Euro.

Claudia Ott

© Martin Jehnichen

Arabistin, Übersetzerin, Autorin, Musikerin

Bei der neusten Übersetzung der Arabistin Claudia Ott handelt es sich um das bis dato unbekannte Ende der Geschichten von 1001 Nacht. Auf die seit langem bekannte Handschrift, die die Grundlage dafür bildete, stieß die Übersetzerin mitten in Anatolien. Dort lagerte das unvollendete Manuskript seit über 250 Jahren in der Raşit-Efendi-Bibliothek in der historischen Altstadt von Kayseri. Wie schon zuvor bei ihrer Übersetzung des arabischen Originals von Tausendundeiner Nacht war auch bei der Kayseri-Handschrift schnell klar, dass die Geschichten nicht aus der Hand eines einzigen Autors stammten, sondern Ergebnis eines fast zweitausendjährigen literarischen Austauschs waren, der von China über Indien bis nach Persien und Arabien und über Al-Andalus, also den arabisch beherrschten Teilen der iberischen Halbinsel, bis nach Europa übermittelt wurde. Am Beispiel ihrer jüngsten Übersetzungsarbeit zeigt sich für Claudia Ott, die wie Ilija Trojanow eine Vermittlerin zwischen Orient und Okzident ist, nicht nur, dass der Orient kein Singular ist, sondern das Kulturen erst dann „welthaltig“ werden, wenn sie im Austausch miteinander stehen. Als Literaturübersetzerin kommentiert sie die politische Lage im Nahen Osten nicht gerne, von einem ist sie jedoch überzeugt: „Ich war und bin oft in arabischen Ländern unterwegs und habe dort Freunde und Kollegen – auch manche, die inzwischen geflohen sind. Aber genau das bestärkt mich darin, den allgegenwärtigen Konflikten und der Masse von schlechten Nachrichten die Literatur als eine Quelle von Fantasie, Träumen und Lebensweisheit entgegenzusetzen. Das ist gerade in so schweren Zeiten umso wertvoller.“
Claudia Ott, 1968 in Tübingen geboren, studierte Islamwissenschaften, Arabistik, Iranistik und weitere orientalische Fächer in Jerusalem und Tübingen. Ursprünglich wollte sie Flötistin werden und verdiente sich ihr Studium in Jerusalem als Musiklehrerin. Nach ihrer Promotion erlernte sie in Kairo das Spielen der arabischen Rohrflöte „nay“. Sie ist Mitglied mehrerer internationaler Ensembles für orientalische Musik und zudem Chorleiterin des Martinschores der niedersächsischen Gemeinde Beedenbostel, wo sie mit ihrer Familie lebt.

„Claudia Ott liefert mit ihrer glänzenden Übersetzung samt lehrreichem Nachwort ein bewundernswertes Beispiel für die Fantasie und intellektuelle Freude, die die islamische Zivilisation über Jahrhunderte hinweg ausgezeichnet hat.“
[Berthold Seewald, Die Welt]

BIBLIOGRAPHIE (AUSWAHL):

„Tausendundeine Nacht. Das glückliche Ende. Nach der Handschrift der Rasit-Efendi-Bibliothek Kayseri erstmals ins Deutsche übertragen von Claudia Ott. Mit Kalligraphien von Mustafa Emary“, C.H. Beck. München, 2016, ISBN: 978-3-406-68826-3, 24,95 Euro.
„Hundertundeine Nacht. Aus dem Arabischen erstmals ins Deutsche übertragen und umfassend kommentiert von Claudia Ott. Mit Faksimile-Abbildungen des Originals“, Manesse. Zürich, 2012, ISBN: 978-3-7175-9026-2, 49,95 Euro.
„Tausendundeine Nacht. Nach der ältesten arabischen Handschrift in der Ausgabe von Muhsin Mahdi, erstmals ins Deutsche übertragen von Claudia Ott“, C.H. Beck. München, 2011, ISBN: 978-3-406-51680-1, 29,90 Euro.
„Gold auf Lapislazuli. Die 100 schönsten Gedichte des Orients“, C.H. Beck. München, 2008, ISBN: 978-3-406-57669-0, 14,90 Euro.

Mareike Greb

© Frieder Krenzlin

Sprecherin

Mareike Greb wurde 1981 in Saarbrücken geboren. Mit 16 Jahren begann sie, sich nach einer Ballettausbildung am Theater der historischen Tanzkunst und Aufführungspraxis zu widmen. An der Universität in Leipzig studierte sie Theaterwissenschaften, Musikwissenschaften, Allgemeine und Vergleichende Literaturwissenschaften. Sie lebt in Leipzig, wo sie als freie Tänzerin, Musikerin, Schauspielerin und Sprecherin für Hörbücher, Hörspiele, Features und Essays arbeitet. 2012 gründete sie zusammen mit Thomas Streipert das WerkEnsembL.E., ein freies Schauspielensemble mit kleiner eigener Spielstätte.

BIBLIOGRAPHIE:

Die Gaillarde und ihr Erbe. Ein Palimpsest eines Renaissancetanzes, 2009, 68 Seiten, SBN-13: 978-3836482233

Anna Maria Carpi

© Isolde Ohlbaum

Schriftstellerin, Lyrikerin

„Schwierig aber scheint mir das Weiterleben bzw. die Erneuerung des Romans zu sein, obwohl wir in einer Sintflut von Romanen ertrinken. Unsere Schicksale sind flacher geworden, unsere Dramen werden von den visuellen Medien verwaltet. Wir sollten uns eher dem Essay, der Philosophie im weiten Sinne zuwenden oder eben der Poesie“, sagte die italienische Schriftstellerin und Lyrikerin Anna Maria Carpi 2014 in ihrer Rede zur Aufnahme in die Deutsche Akademie für Sprache und Dichtung. Für ihr Lebenswerk wurde Anna Maria Carpi im selben Jahr in Italien mit dem Premio Carducci ausgezeichnet, wobei die Jury ihre Dichtung mit der der polnischen Literaturnobelpreisträgerin Wisława Szymborska verglich. Obwohl Carpi neben Patrizia Cavalli zur wichtigsten Stimme der zeitgenössischen italienischen Lyrik zählt, hat sie dieser Vergleich gewundert. Ihre poetische Schule war weder die polnische noch die italienische Lyrik, sondern vor allem die deutsche Dichtung, denn als Übersetzerin hat sie unter anderem Nietzsche, Rilke, Benn, Celan, Heiner Müller, Durs Grünbein oder auch Michael Krüger ins Italienische übertragen. Dennoch ist der Vergleich mit der polnischen Literaturnobelpreisträgerin nicht von der Hand zu weisen, denn wie bei Szymborska beginnen auch bei Anna Maria Carpi die alltäglichsten Dinge zu schweben, denen sie mit einfachsten Wörtern und großer Zurückhaltung einen universellen Wert völlig ohne Pathos zuspricht. „Anna Maria Carpi packt einen am Schopf und schon steckt man mitten in einer Geschichte“, schreibt die Literaturkritikerin Maike Albath über ihre Poesie. Dabei weiß Carpi um die verlorenen Orientierungen und Sicherheiten der Gegenwart sehr wohl Bescheid. Voll heiterer Melancholie halten ihre Gedichte die Möglichkeiten des Lebens immer offen und beginnen ein Gespräch mit den Lesern. „Das Dichten aber“, sagt sie, „erwächst aus meinem Drang, `mit den anderen` zu kommunizieren, und zwar über unser Verlorensein in dieser so stark medialisierten Welt, die sich doch so sehr nach Unsterblichkeit sehnt.“ Dabei ist die Hoffnung auf etwas und nicht die Verzweiflung der Motor von Carpis Poesie.
Die 1939 in Mailand geborene „Tochter einer emilianischen Mutter und eines toskanischen Vaters“ studierte Deutsch und Russisch in Mailand und war Dozentin für deutsche Literatur mit Lehraufträgen in Mailand, Macerata, Venedig und Bonn. Mit der Veröffentlichung von Gedichten, die sie seit jeher schreibt, begann Carpi erst zu Beginn der 1990er Jahre. Neben mehreren Gedichtbänden schrieb sie auch vier Romane.

„Man liest sich in ihren Gedichten sofort fest, nicht anders als bei guten Romanen oder Novellen. Sie fesseln einen mit ihrer menschlichen Problematik, oft schon in einem einzigen Satz.“ [Durs Grünbein im Nachwort von Anna Maria Carpis Gedichtband]

BIBLIOGRAPHIE (AUSWAHL):

„Entweder bin ich unsterblich. Gedichte. Zweisprachige Ausgabe“, Carl Hanser Verlag. München, 2015, ISBN: 9783446247383, 15,90 Euro.„Kleist. Ein Leben“, Insel Verlag. Berlin, 2011, ISBN: 9783458175032, 24,90 Euro.

SAID

© Poetische Quellen

Lyriker, Schriftsteller, Essayist

Die Würde des Menschen besteht darin, lieben zu können. Dieser Aussage würde der Schriftsteller SAID höchstwahrscheinlich zustimmen. „ich rufe nur meine liebe in die welt hinaus, bis sie zum aufruhr wird und euch erfasst“, legt er Jesus von Nazareth in seinem Essayband „Das Niemandsland ist unseres“ in den Mund. Demut vor der leisen Kraft der Poesie und dem Gefühl der Liebe als einzig mögliche Verbindung und Verständigung der Menschen untereinander bilden die Ausgangspunkte für das umfangreiche Werk von SAID. Dahinter öffnet sich für den Leser und die Leserin eine existentielle Universalität und Nähe in den Arbeiten dieses Schriftstellers, die ihre Zeitlosigkeit und allgemeine Gültigkeit aus der unbedingten Unabhängigkeit sowohl des Autors als auch des Menschen SAID vor jedweder kurzlebigen Mode und Gleichschaltung im Leben wie im Denken bezieht.
1947 in Teheran geboren, kam SAID 1965 zum Studieren nach Deutschland. Zu einem Exilanten wurde er erst hier, durch seine politisch-oppositionelle Tätigkeit zunächst gegen das Schah-System und später dann auch gegen das Mullah-Regime, das sich nach dem Sturz des Schahs im Iran einrichtete. Seit 2004 besitzt SAID die deutsche Staatsbürgerschaft. Obwohl er seit seinen schriftstellerischen Anfängen vor über 40 Jahren fast immer nur auf Deutsch schreibt, verbinden sich in seinem ganzen Schreiben dennoch zwei Welten zu einer „Zwangsgemeinschaft“: Die Welt der Fremde und die Welt der verlorenen Heimat – Deutschland und Iran, das Deutsche und das Persische. Aus diesem Kompositum zweier Sprachwelten, dieser Zusammensetzung aus Fremde und entfremdeter Heimat, entwickelte sich bei SAID ein tiefes Anliegen seines Schreibens: Er versteht insbesondere seine Poesie als eine Brücke von Mensch zu Mensch und von Kulturraum zu Kulturraum. Hier schreibt einer, für den Vernunft, Freiheit und Religion keine Gegensätze darstellen. Als „Vermittler zwischen den Kulturen“ verlieh ihm 2014 der damalige Bundespräsident Joachim Gauck das Bundesverdienstkreuz am Bande. Aus dem gleichen Grund wurde er vor einem Jahr mit dem Friedrich-Rückert-Preis ausgezeichnet.
Sein gesamtes Werk muss als Teil eines Dialogs unter hoffenden, an die Zukunft glaubenden Menschen begriffen werden, geschrieben, um die Liebe endlich wieder aus der Hinterstube zu befreien, denn „dort, wo keine liebe ist, wächst kein verstehen“. Und dort, wo kein Verstehen ist, ist „der frieden / ein lidschlag der geschichte“.
SAID heißt übersetzt „der Glückliche“. In diesem Fall darf sich die deutsche Sprache glücklich schätzen, einen solchen Dichter an ihrer Seite zu haben.

„SAID schreibt Gedichte, die weit über das Lesevergnügen nachwirken. Es gibt nicht immer Anlass, zeitgenössische Lyrik in den Himmel zu heben – SAIDs außergewöhnlich gute Gedichte aber bestimmt.“ [Matthias Ehlers, WDR 5]

BIBLIOGRAPHIE (AUSWAHL):
„auf der suche nach dem licht“, Würzburg: Peter Hellmund Verlag, 2016; 14,00 Euro, ISBN: 978-3-939103-70-7. „parlando mit le phung“, Göttingen: Steidl, 2013; 18,00 Euro, ISBN: 978-3-86930-607-0.
„Das Niemandsland ist unseres. West-östliche Betrachtungen“, München: Diederichs, 2010; 14,95 Euro, ISBN: 978-3424350333. „Ruf zurück die Vögel“, München: C.H. Beck, 2010; 16,95 Euro, ISBN: 978-3406598425.
„Das Haus, das uns bewohnt. Ein israelisch-iranisches Poetengespräch“, München: Stiftung Lyrik Kabinett, 2009; 20,00 Euro, ISBN: 978-3938776193.
„Der Engel und die Tauben. Erzählungen“, München: C.H. Beck, 2008; 16,90 Euro, ISBN: 978-3406576935.„Psalmen“, München: C.H.Beck, 2007; 14,90 Euro, ISBN: 978-3406557507.
„In Deutschland leben“, München: C.H.Beck, 2004; 14,90 Euro, ISBN: 978-3406517110.„Aussenhaut Binnenträume“, München: C.H.Beck, 2002; 14,90 Euro, ISBN: 978-3406493157.
„Landschaften einer fernen Mutter“, München: C.H.Beck, 2001; 14,50 Euro, ISBN: 978-3406471537.
„Dieses Tier, das es nicht gibt. Ein Bestiarium“, München: C.H.Beck, 1999; 12,50 Euro, ISBN: 978-3406452906.
„Sei Nacht zu mir. Liebesgedichte“, München: C.H.Beck, 1998; 12,50 Euro, ISBN 978-3406441084.
„Der lange Arm der Mullahs. Notizen aus meinem Exil“, München: C.H.Beck, 1995; 20013; 16,50 Euro, ISBN: 978-3406390706.
„Selbstbildnis für eine ferne Mutter“, München: P. Kirchheim Verlag, 1992; 11,50 Euro, ISBN: 978-3874100537.
„Wo ich sterbe ist meine Fremde“, München: P. Kirchheim Verlag, 1994; 20005, 11,50 Euro, ISBN: 978-3874100251.
„Dann schreie ich, bis Stille ist“. Gedichte. Tübingen: Heliopolis Verlag, 1990; ISBN 978-3873241022.„Ich und der Islam“, München: C.H.Beck, 14,90 Euro, ISBN: 978-3406535534.
„liebesgedichte“, München: P. Kirchheim Verlag, 1981; 11,95 Euro, ISBN 978-87410-015-4; als Reprint lieferbar.

Ellen Hinsey

© Adine Sagalyn

Schriftstellerin, Lyrikerin

„Für mich ist das Schreiben ein existentieller Dialog in dem Sinn, dass wir uns alle immer in einem Prozess befinden, in dem wir Dinge außerhalb von uns wahrzunehmen, ob das die Natur ist, das oder der Andere oder unser Versuch zu verstehen“, sagte Ellen Hinsey 2011 in einem Interview. 1960 wurde sie in Boston, Massachusetts, geboren. Die Literatur entdeckte sie als Autodidaktin, nachdem sie nach einem Studium der Bildenden Kunst an der Tufts University in Boston 1987 beschloss, nach Paris zu ziehen. Hier studierte sie Literatur an der Université Paris VII. und unterrichtete dann zunächst an der Ecole Polytechnique. Seit fast dreißig Jahren lebt sie nun schon in Europa und fand hier einen Hintergrund für ihr Schreiben, der sich aus dem ständigen Dialog zwischen Philosophie, Ethik und Geschichte zusammensetzt. Ihr erster Gedichtband Cities of Memory erschien 1996 und wurde mit dem Yale University Series Award ausgezeichnet.
Für ihren dritten im Jahr 2009 veröffentlichten Gedichtband Update on the Descent, wohnte Ellen Hinsey ab 2002 in Den Haag den Sitzungen des Internationalen Strafgerichtshofes für das ehemalige Jugoslawien als Zuhörerin bei. Unter dem Titel Des Menschen Element erschien dieses Buch als erster Gedichtband von ihr in diesem Frühjahr auf Deutsch. Wie schon Dante einige Jahrhunderte vor ihr, so steigt auch Hinsey hinab in die unfassbare Hölle des menschlichen Umgangs miteinander. Wie bei Dante so liegt auch für Hinsey der Sinn des Schreibens dabei in einem Geführtwerden durch die Welt, wobei der Dichter Zeugenschaft ablegt. „Dichtung, Poesie ist eine Form der Selbstbefragung von uns selbst und unseren Wahrheiten“, sagt Hinsey.“ Und so liest man hier mit großem Erstaunen, mit welch unglaublich musikalisch-visueller Ausdrucksqualität diese Dichterin eine Sprache für das Unsagbare findet, das eintritt, wenn der Wegfall ethischer Aspekte die Türen für die Abgründe des menschlichen Daseins weit öffnet. Trotz dieser Einsicht gibt Hinsey die Hoffnung nicht auf, dass der menschliche Geist auch unter den verheerendsten Umständen einen Weg finden kann, die Möglichkeit für menschlichen Anstand, ein Verständnis für das Gute, die Fähigkeit, die Wahrheit auszusprechen, und die Kraft der Liebe zu erneuern. Ein Weg besteht in der Poesie: „Oftmals wird beklagt, dass sich Poesie einfach nicht verkaufen lasse, auf der anderen Seite heißt das aber auch, die Poesie lässt sich eben nicht kaufen.“ Diese Art der Nichtkäuflichkeit, der Nichtkorrumpierbarkeit macht Ellen Hinsey Mut.

„In Zeiten, da viele Poeten sich verschreckt auf intime oder zeitkonforme Themen beschränken, belebt es alle Sinne, auf eine Dichtung von solcher Dimension und Ambition zu treffen.“
[Robert Chandler im Nachwort von Ellen Hinseys Gedichtband]

BIBLIOGRAPHIE (AUSWAHL):
„Der Menschen Element“, Matthes & Seitz. Berlin, 2017, ISBN: 978-3-95757-389-6, 26,00 Euro.
Tomas Venclova: „Der magnetische Norden. Gespräche mit Ellen Hinsey. Erinnerungen“, Suhrkamp. Berlin, 2017, ISBN: 978-3518-42633-3, 36 Euro.

Holger Ehling

© ehlingmedia.com

Übersetzer, Herausgeber, Autor, Berater

Holger Ehling, 1961 in Bad Hersfeld geboren, studierte Anglistik, Germanistik und Philosophie in Göttingen. Anfang der 80er Jahre begann er, sich intensiv mit der zeitgenössischen Literatur Afrikas und der Karibik auseinanderzusetzen. Nach einem Volontariat an der Hamburger Journalistenschule arbeitete Ehling zu Beginn der 90er Jahre einige Zeit als freier Korrespondent vor allem in Afrika. Er gehörte zu den ersten Journalisten, die ausführlich über die wirtschaftlichen, sozialen und ökologischen Folgen der Erdölproduktion im Nigerdelta berichteten. Es entstand eine enge persönliche Beziehung zu dem Schriftsteller und Umweltaktivisten Ken Saro-Wiwa, der 1995 vom nigerianischen Militärregime hingerichtet wurde.
Ab 1994 begann Ehling für die Frankfurter Buchmesse zu arbeiten, zunächst als Pressesprecher, dann als Leiter der Unternehmenskommunikation und kurze Zeit auch als deren stellvertretender Direktor.
Seit 2006 betreibt er eine Agentur, die als Dienstleister für Kulturveranstaltungen ebenso tätig ist wie in der Strategieberatung für Verlage und internationale Buchmessen. Von September 2006 bis Juni 2009 führte er im Literaturhaus Frankfurt die "Frankfurter Verlegergespräche" durch. Seit 2008 arbeitet Ehling wieder verstärkt als Autor.

BIBLIOGRAPHIE (AUSWAHL):
„Reise nach London: Geschichten fürs Handgepäck“; Unionsverlag: Zürich, 2011; ISBN 3-293-20512-7.
„England, glorious England“; Ch. Links Verlag: Berlin, 2011; 2. Auflage; ISBN 978-3-86153-547-8.
Jojo Cobbinah/Holger Ehling: „Westafrikanisch kochen“; Verlag Die Werkstatt: Göttingen, 2005; 2. Auflage; ISBN 978-3-89533-215-9; 16,90 Euro.
„Finding England. An Ausländer's Guide to Perfidious Albion“; The Armchair Traveller at Bookhaus: London, 2012, ISBN 978-1-907973-24-6.
Holger Ehling/Jörg Harraschain: „Nordend“; Societäts-Verlag: Frankfurt am Main, 2011; ISBN 978-3-942921-07-7.

Thomas Streipert

© Marc Maßhoff

Sprecher, Schauspieler, Sänger

Geboren 1978 in Thüringen, studierte Thomas Streipert nach dem Abitur zunächst Italianistik und Philosophie an der Universität Leipzig, bevor er von 1999 bis 2005 an der Hochschule für Musik und Theater Felix-Mendelssohn-Bartholdy ein Klassisches Gesangsstudium absolvierte, das durch Meisterkurse bei Prof. Horst Günther und Prof. Peter Sefcik ergänzt wurde. Von 2005 bis 2008 war er an der Neuen Werkbühne München engagiert, wo er zum Schauspieler ausgebildet wurde und in zahlreiche Rollen auftrat. 2009 kehrte er zurück nach Leipzig und arbeitet seitdem als freischaffender Schauspieler und Sänger. Im selben Jahr erhielt er an der Universität Leipzig einen Lehrauftrag für „Rede - Präsentation - Wirkungsbewusstsein“. Seit 2010 ist er zudem als Theaterautor und Regisseur tätig. Gemeinsam mit Mareike Greb gründete er im Jahr 2012 das WerkEnsembL.E., ein freies Theaterprojekt für Leipzig und Umgebung.

Harald Sieger

© Privat

Organist, Pianist; Kreiskantor

Harald Sieger, 1975 in Bonn geboren, wuchs in Meckenheim im Rheinland auf. Bereits im Kindesalter kam er als Gründungsmitglied des Kinderchors der Ev. Kirchengemeinde Meckenheim mit der Kirchenmusik in Berührung. Das Studium der Kirchenmusik absolvierte er an der Kirchenmusikschule der Ev. Kirche im Rheinland und an der Robert-Schumann-Hochschule für Musik in Düsseldorf. Neben seinem Studium besuchte er u.a. Meisterkurse für Orgel bei Prof. Torsten Laux, Prof. Almut Rössler und Prof. Hans- Dieter Möller. Seit Januar 2004 ist er als Kantor für die Kirchenmusik an der Auferstehungskirche verantwortlich. Im Sommer 2008 wurde er zusätzlich zum Synodalbeauftragten für Kirchenmusik und Kreiskantor im Kirchenkreis Vlotho ernannt.

Tomer Gardi

© Arie Kishon

Schriftsteller

Die taz erinnerte der Auftritt des israelischen Autors Tomer Gardi beim letztjährigen Ingeborg-Bachmann-Wettbewerb in Klagenfurt an den italienischen Schlagersänger Adriano Celentano: „Mit weit aufgeknöpftem Hawaiihemd, Halskette, Vollbart, Ring und Armband“ saß Gardi vor dem Publikum und las seinen Text. Dabei handelte es sich um einen Ausschnitt aus seinem wenige Wochen später veröffentlichten Roman Broken German. Der Titel verweist auf die Form des Romans, den Gardi durchweg in einem fehlerhaft-gebrochenen und dennoch verständlichen Deutsch geschrieben hat, und der innerhalb der Jury des Bachmannwettbewerbes die Frage aufwarf, ob es überhaupt zulässig sei, ein Buch zu bewerten, welches die Deutsche Sprache nicht beherrsche. In einem Zeitungsgespräch sagte Tomer gardi dazu: „Ich glaube, mein Deutsch ist sehr mündlich, weil ich die Sprache vom Hören und Sprechen gelernt habe und nicht vom Lesen und Schreiben.“
Gardi wurde 1974 in Dan, einem Kibbuz in Galiläa, geboren. Im Alter von zwölf Jahren zog er mit seiner Familie für drei Jahre nach Wien. Nach der Schule studierte er Literatur- und Erziehungswissenschaften in Tel Aviv, Be`er Sheva und Berlin. „Ich habe meine Sprache von überall her genommen. Wenn man in Berlin ist, hört man so viele verschiedene Arten und Weisen zu reden. Jeder sollte auf Deutsch schreiben dürfen“, sagt er. So lässt sich Broken German auch als ein Plädoyer für Sprachenvielfalt lesen. In dem Roman, der im Grunde aus einer Aneinanderreihung von verschiedenen Szenen besteht, geht es um vertauschte Koffer und vertauschte Identitäten. Gleich im ersten Kapitel steigen Amadou, Radili und Mehmet, „von eine U-Bahn aus“. Wenn sie ihr seltsames Deutsch sprechen, wird klar, dass sie nicht von hier sind. In ihren Grammatikfehlern steckt aber nicht nur die Geschichte ihrer Herkunft und ein Stück ihrer Identität. In ihrem gebrochenen Sprachgebrauch spiegelt sich immer auch ein Stück der Geschichte des Landes, in dem diese Sprache ansonsten scheinbar fehlerfrei gesprochen wird. Gardi zeigt, dass durchaus etwas Neues entstehen kann, wenn man es wagt, von der Konvention abzuweichen und Ambivalenz und Mischung zulässt. Ein zentraler Satz seines Romans lautet: „Wir sind babylonisch“. Damit weist Gardi darauf hin, dass eine eindimensionale Erklärbarkeit und Durchschaubarkeit unseres Lebens nicht nur auf sprachlicher Ebene heutzutage nicht mehr möglich ist und dass sich Veränderungen nicht durch Grenzziehungen aufhalten lassen.

„Das ist nämlich auch neue Weltliteratur, die unsere eurozentristische Poetik in Frage stellt. (…). Broken German ist ein trauriges, abgründig kluges und immer wieder auch absurd-komisches Buch.“ [Insa Wilke, WDR 3 - Gutenbergs Welt]

BIBLIOGRAPHIE:

„Broken German“, Droschl-Verlag. München, 2016, ISBN: 978-3854209799, 19,00 Euro.
„Stein, Papier: Eine Spurensuche in Galiläa“, Rotpunktverlag. Zürich, 2013, ISBN: 978-3858695567, 19,90 Euro.

Asmir Kujovic

© Tanja Draškic Savic

Schriftsteller, Lyriker, Publizist

„Ein Dichter ist erfolgreich, wenn er die Welt dazu bringt, sich selbst auszudrücken“, sagte Kujović während einer Veranstaltung der diesjährigen Frühjahrstagung der Deutschen Akademie für Sprache und Dichtung im Ars Aevi Museum für zeitgenössische Kunst in Sarajevo.
In seinem Schreiben nimmt Kujović sowohl Bezug auf die islamische Tradition des Sufismus, einer der Welt zugewandten, offenen Auslegung des Islams mit all seinen mystischen Erfahrungen, als auch auf die Traditionen der persischen Dichtung, wie sie vor allem von den klassischen mittelalterlichen Dichtern Rumi und Hafis ausgingen. Rumi ist nicht nur einer der größten Dichter persischer Sprache, sondern auch der Begründer des Sufi-Ordens der Tanzenden Derwische und einer der bedeutendsten Meister der islamischen Mystik. Mit Hafis, von dem Goethe zu seinem West-Östlichen Divan angeregt wurde, gelangte die persische Lyrik schließlich auf ihren Höhepunkt. Neben diesen Einflüssen finden sich in den Versen von Kujović immer wieder auch Andeutungen auf die Thora, die Bibel und den Koran, zumeist verkleidet in Allegorien auf existentielle Fragen des Lebens.
In der Originalsprache haben die Gedichte von Asmir Kujović absichtlich keine Fußnoten, weil er möchte, dass sie durch das Leben, das Wissen, die Gefühle und die Erfahrungen ihrer Leserinnen und Leser empfunden und erkannt werden. Dies wird verstärkt durch das Element des Spiels, welches in vielen seiner Gedichte Eingang findet. In der deutschen Übersetzung sind demgegenüber manche Fußnoten angebracht, um bestimmte Figuren und Geister zu erklären, die den bosnischen Lesern aus der islamischen Tradition heraus zumeist vertraut sind.
Asmir Kujović wurde 1973 in der heute zu Serbien gehörenden Stadt Novi Pazar geboren. Seit 1991 lebt er in Sarajevo. Nachdem er an der Sarajevoer Universität das Studium der Literaturwissenschaften abschloss, arbeitet er heute als Herausgeber und Chefredakteur des Kulturmagazins Lice (dt.: Gesichter). Sein erster Gedichtband Vojni sanovnik (dt.: Das militärische Träumebuch) bekam den Preis der Soros-Stiftung Open Society. Für seinen noch nicht ins Deutsche übersetzten Roman Ko je zgazio gospođu mjesec (dt.: Wer hat die Frau Mond überfahren) erhielt er 2002 den Preis für das Buch des Jahres in seinem Land. Kujović ist das jüngste Mitglied des bosnisch-herzegowinischen Schriftstellerverbandes.

„Seine Dichtung ist ein Treffpunkt zwischen Orient und Okzident.“
[Dževad Karahasan über die Dichtung von Asmir Kujović]

BIBLIOGRAPHIE:

„Das versprochene Land“, Wieser Verlag. Klagenfurt, 2005, ISBN: 3851295994, 14,80 Euro.

Ivana Nevesinjac

© Privat

Dolmetscherin, Übersetzerin, Dozentin

Ivana Nevesinjac, geboren 1984 in Sarajevo, Bosnien-Herzegowina, studierte Germanistik und Anglistik in Sarajevo. Seit 2008 unterrichtet sie Neuere Deutsche Literatur am Institut für Germanistik der Universität Sarajevo. Ihre Interessensgebiete sind moderne und zeitgenössische Literatur, Intermedialität, Interkulturalität und Übersetzen aus interdisziplinärer und kulturwissenschaftlicher Perspektive. Daneben arbeitet sie als Konferenzdolmetscherin und Literaturübersetzerin für Deutsch, Englisch und Bosnisch. Sie hat u.a. Werke von Georg Büchner (Der Hessische Landbote), Frank Wedekind (Die Büchse der Pandora) und Max Dauthendey (Die acht Gesichter am Biwasee, Geschichten aus den vier Winden) ins Bosnische übertragen und übersetzt für unterschiedliche Literaturzeitschriften und Literaturlesungen. Seit 2006 führten sie zahlreiche Stipendienaufenthalte nach Deutschland (u.a. als DAAD- und Erasmus-Stipendiatin). Sie ist Mitglied des Südosteuropäischen Germanistenverbandes (SOEGV) und des bosnisch-herzegowinischen Übersetzer- und Dolmetscherverbandes (UPBH).

Giorgio Fontana

© Ordine della Giarrettiera

Schriftsteller

Für Giorgio Fontana ist ein Schriftsteller jemand, der die Geschichten liebt und deshalb versucht, sie mit der bestmöglichen Sprache zu erzählen. Das ist ihm mit seinem Roman Tod eines glücklichen Menschen gelungen, für den er 2014 mit dem hochgeschätzten italienischen Literaturpreis, dem Premio Campiello, ausgezeichnet wurde. Der glückliche Mensch, von dem Fontana erzählt, ist der Mailänder Staatsanwalt Giacomo Colnaghi, der zu Beginn der 1980er Jahre gegen den Terrorismus kämpft. Es ist die Zeit der „bleiernen Jahre“ in Italien. Aldo Moro wurde 1978 von den Roten Brigaden entführt und ermordet. Bei Anschlägen von linken und rechten Terrorgruppen wurden hunderte von Menschen verletzt und ermordet, darunter Richter und Staatsanwälte.
Colnaghi ist ein Suchender, der die Gerechtigkeit erneuern möchte, um die Gesellschaft zu verbessern. Trotz seines von Zweifeln und Nachdenklichkeit geprägten Charakters steht er im Einklang mit seinem Beruf. Sein unabhängiges Denken gibt er auch für ihn nicht auf. Einerseits trägt er eine nie zu besänftigende Wissbegier in sich, andererseits genießt er auch die scheinbar unbedeutenden Dinge des Lebens voll und ganz: Ein schönes Abendessen in der Trattoria, einen einsamen Spaziergang, eine Fahrradtour mit einem Freund oder das Ausdenken von Witzen. Seinen Kampf gegen die Unterdrückung und Bedrohung der Zivilgesellschaft durch die Angst vor dem Terrorismus führt er auch in Erinnerung an die eigene Familiengeschichte: Colnaghis Vater starb in den letzten Kriegstagen als Partisan gegen die Faschisten und Nationalsozialisten. Für Fontana ist sein Roman deshalb auch vor allem die Geschichte von einem Vater und einem Sohn, von ihrem Gespräch aus der Distanz über das Erbe von Gerechtigkeit und Freiheit, welches der Vater dem Sohn anvertraut hat. In einem Artikel schrieb Fontana: „Der Denker ist kein Seher und kein Prophet, er stellt sich nur einer Aufgabe, der sich jeder zu stellen hat, der den Willen zum Lernen und zum Verstehen hat. Und bereit ist, den eigenen Intellekt zu gebrauchen, in Freiheit.“ Damit beschreibt er sowohl seinen Romanhelden und gibt auch Auskunft über sich als Schriftsteller, der nicht gewillt ist, den moralischen Verfall einer, in dem Fall seiner Gesellschaft hinzunehmen.
Giorgio Fontana wurde 1981 in Saronno geboren. Er studierte Literatur und Philosophie in Mailand, wo er auch lebt. Neben seiner Arbeit als freier Schriftsteller schreibt er für verschiedene Tageszeitungen.

„Giorgio Fontana zeichnet sprachlich klar und sparsam ein überzeugendes Portrait seiner Hauptfigur. Die ethischen Diskurse werden auf hohem Niveau geführt, wirken aber nie scholastisch, sondern sehr inspirierend. (…) Tod eines glücklichen Menschen ist ein Roman, den man verschlingt und der sehr berührt.“ [Patric Seibel, NDR Kultur]

BIBLIOGRAPHIE (AUSWAHL):

„Tod eines glücklichen Menschen“, Nagel & Kimche. 2015, ISBN: 978-3-312-00664-9 / 19,90 Euro.
„Im Namen der Gerechtigkeit“, Nagel & Kimche. 2013, ISBN: 978-3-312-00573-4, 18,90 Euro.„Un solo paradiso“, Sellerio Editore Palermo. 2016, ISBN: 978-8838935466. (italienisch)

Michael Krüger

© Peter-Andreas Hassiepen

Schriftsteller, Lyriker.
Präsident der Bayerischen Akademie der Schönen Künste

„Entweder man liest, weil es einem das Leben erträglicher macht oder bereichert, oder man lässt es“, sagt Michael Krüger, für den Bücher, „neben Pasta, Tomaten und Olivenöl“ die wichtigsten Lebensmittel sind. Geboren 1943 in Wittgendorf in Sachsen-Anhalt, wuchs Krüger in Berlin auf, wo er anstelle eines Studiums eine Lehre als Verlagsbuchhändler und als Drucker absolvierte. Nebenbei besuchte er nach der Arbeit als Gasthörer Vorlesungen an der Freien Universität Berlin. Von 1962 bis 1965 arbeitete er als Buchhändler bei Harrods in London, wo er u.a. Arthur Koestler und Elias Canetti kennenlernte. Ab 1966 betätigte er sich als Literaturkritiker. Zwei Jahre später übernahm er die Aufgabe eines Verlagslektors beim Münchner Carl Hanser Verlag, den er von 1986 bis 2013 als Verleger leitete. In dieser Zeit wurde Hanser zum wichtigsten literarischen Verlag in Deutschland, der in seiner Autorenliste die Literaturnobelpreisträger geradezu sammelte. Während dieser Zeit war Krüger auch Herausgeber der Reihe Edition Akzente und der beachtenswerten Literaturzeitschrift Akzente. Nach wie vor ist er Mitherausgeber der Edition Lyrik-Kabinett. „Lesen war der Grund, weshalb ich den Beruf so lange ausgehalten habe“, sagte er 2016 in einem Interview. Das darf man durchaus als Untertreibung eines Mannes auffassen, dessen Leben komplett eins mit seinem Beruf gewesen zu sein schien, mit der Rolle eines Verlegers, der als unermüdlicher Kämpfer für eine Literatur auftrat, die nicht „unterkomplex“ ist, sondern ihre Leser ernst nimmt, indem sie auch Ansprüche stellt und versucht, ihnen etwas zu geben – eine Vorstellung vom Leben.
Diesen Einsatz für Literatur führt Krüger seit 2013 in der Funktion ALs Präsident der Bayerischen Akademie der Schönen Künste weiter und daneben in seinen zahlreichen Tätigkeiten als umtriebiger Handlungsreisender in Sachen Literatur, ob als Essayist, Kritiker, Laudator, Preisträger Juror oder Kurator. Bei all dem war und ist Michael Krüger vor allem aber auch ein Schriftsteller und Dichter, den man unbedingt lesen sollte, wenn man, wie er, mit tiefer Melancholie eine unbändige Liebe zur Welt spürt.

„Der Mann im grauen Pullover, den die literarische Welt von München bis New York einfach nur als Michel kennt, ist auch heute, nach einem halben Jahrhundert im Dienst der Bücher, Schriftsteller und Leser und nach achtundzwanzig Jahren als Hanser-Chef, ein Rätsel. Er ist überall zugegen, ohne dass es je gelänge, länger als eine Minute mit ihm zu reden; er lektoriert in einer Woche drei Bücher, schreibt zwei Reden, reist in die Provinz, gibt mehrere Interviews, leitet dazwischen mehr Sitzungen, als der Tag Stunden hat, und findet daneben noch Zeit, einen Hund zu streicheln und einem Kind zu schreiben.“
[Felicitas von Lovenberg, Frankfurter Allgemeine Zeitung]

BIBLIOGRAPHIE (AUSWHL):

„Das Irrenhaus“, Haymon Verlag. Innsbruck, 2016, ISBN: 978-3-7099-7252-6, 19,90 Euro.
„Hellwach gehe ich schlafen. Hundert Gedichte“, Suhrkamp Verlag: Berlin, 2016, ISBN: 978-3-3-518-46722-0, 14,00 Euro.
„Der Gott hinter dem Fenster. Erzählungen“, Haymon Verlag. Innsbruck, 2015, ISBN: 978-3-7099-7191-8, 19,90 Euro.
„Himmelfarb“, Haymon Verlag. Innsbruck, 2016, ISBN: 978-3-7099-7840-5, 9,95 Euro.
„Umstellung der Zeit“, Gedichte; Suhrkamp Verlag: Berlin, 2013; ISBN 978-3-518-42394-3; 18,95 Euro.
„Die Erschließung des Lichts. Italienische Dichtung der Gegenwart“, Hanser. München, 2013, ISBN: 978-3-446-24040-7, 21,90 Euro.
„Ins Reine“, Suhrkamp Verlag: Berlin, 2010, ISBN 978-3-518-42168-0, 16,90 Euro.
„Literatur als Lebensmittel“, Sanssouci im C. Hanser Verlag: München, 2008; ISBN 978-3-8363-0120-6, 15,90 Euro.
Quint Buchholz, Michael Krüger: „Die Tiere kommen zurück“, Hanser. München, 2008, ISBN: 978-3-446-25251-6, 15,90 Euro.
„Reden und Einwürfe“, Suhrkamp Verlag: Frankfurt am Main, 2008, ISBN 978-3-458-19309-8, 12,80 Euro.
„Unter freiem Himmel“, Suhrkamp Verlag: Frankfurt am Main, 2007, ISBN 978-3-518-41912-0, 19,80 Euro.
„Die Turiner Komödie“, Suhrkamp Verlag: Frankfurt am Main, 2007, ISBN 978-3-518-45876-1, 7,00 Euro.
„Kurz vor dem Gewitter“, Suhrkamp Verlag: Frankfurt am Main, 2003, ISBN 978-3-518-41456-9, 16,90 Euro.
„Vorreden Zwischenrufe Nachrufe“, Hanser. München, 2003, ISBN: 978-3-446-25250-9, 17,90 Euro.
„Das falsche Haus“, Suhrkamp Verlag: Frankfurt am Main, 2002, ISBN 978-3-518-41349-4, 8,95 Euro.
„Die Cellospielerin“, Suhrkamp Verlag: Frankfurt am Main, 2002, ISBN 978-3-518-39875-3 (TB), 10,00 Euro.
Quint Buchholz, Michael Krüder: „Wer das Mondlicht fängt“, Hanser. München, 2001, ISBN: 978-3-446-25244-8, 17,90 Euro.
„Wieso ich? Eine deutsche Geschichte“, Wagenbach: Berlin, 2000; ISBN 978-3803123886.
„Das Schaf im Schafspelz“, Hanser. München, 2000, ISBN: 978-3-446-25249-3, 13,90 Euro.
„Aus dem Leben eines Erfolgsschriftstellers“, C. Hanser Verlag: München, 1998; ISBN 978-3-725411276, 12,90 Euro.
„Die Dronte. Gedichte“, Hanser. München, 1985, ISBN: 978-3-446-14399-9, 12,90 Euro.
„Aus der Ebene. Gedichte“, Hanser. München, 1982, ISBN: 978-3-446-13604-5, 9,90 Euro.
„Diderots Katze. Gedichte“, Hanser. München, 1978, ISBN: 978-3-446-12605-3, 8,90 Euro.

Ivo Andric

© Alija Akšamija

Schriftsteller (1892 – 1975) / Literaturnobelpreisträger 1961

„Andrić gehört ohne Zweifel zu meinen Lehrern, zu den Autoren, von denen ich versuchte zu lernen. Er hat mich sehr tief beeinflusst, und zwar vor allem durch seine scheinbare Einfachheit. Denn Andrić versteckt seine Spuren, Andrić bemüht sich, seine Technik möglichst zu verdecken, seine Kunst möglichst diskret zu verwenden. Und das ist nun mal eine Sache, die ich sehr mag, die ich sehr bewundere. Seine Kunst scheint, als ob sie von selbst entstanden wäre. Das finde ich großartig!“, sagt der Schriftsteller Dževad Karahasan über Ivo Andrić.
Andrić, geboren 1892 in dem Dorf Dolac nahe der bosnischen Stadt Travnik, ging in Višegrad zur Volksschule, einer Kleinstadt im östlichen Bosnien, die am Ufer des Flusses Drina liegt. Anschließend besuchte er in Sarajevo das Gymnasium und studierte während des Ersten Weltkriegs mit Unterbrechungen Philosophie, Slawistik und Geschichte in Zagreb Wien, Krakau und Graz. Nach dem Krieg zog er 1918 nach Belgrad, in die Hauptstadt des damals geschaffenen „Königreichs der Serben, Kroaten und Slowenen“, das spätere Königreich Jugoslawien. In den 20er- und 30er-Jahren durchlief Andrić eine Vielzahl von politischen Ämtern und arbeitete auch im Außenministerium. 1939 wurde er als außerordentlicher Gesandter des Königreichs Jugoslawien an die Botschaft nach Berlin entsandt. Nach dem Überfall der deutschen Wehrmacht auf Jugoslawien ersuchte Andrić um seine Abberufung und kehrte 1941 nach Belgrad zurück. Bis Kriegsende lebte er hier in großer Zurückgezogenheit und schuf in dieser kurzen Zeit seine drei großen literarischen Werke, die nach 1945 seinen Weltruhm begründeten: Die Brücke über die Drina, Wesire und Konsuln und Das Fräulein.
Der wahre Held des Romans Die Brücke über die Drina, der den Untertitel Eine Chronik aus Višegrad trägt, ist die Brücke, die nicht nur die beiden durch die Drina getrennten Stadtteile Višegrads miteinander verbindet, sondern kulturell auch die orientalische mit der abendländischen Einwohnerschaft. Erzählt wird die Geschichte der Brücke über mehrere Jahrhunderte anhand unvergesslicher Gestalten.
1961 erhielt Andrić den Nobelpreis für Literatur, ausgezeichnet für „die epische Kraft, mit der er Motive und Schicksale in der Landschaft seiner Heimat gestaltet“. An einen ähnlichen Erfolg wie den der sogenannten „Bosnischen Trilogie“ konnte Andrić, der nach dem Krieg zum Vorsitzenden des jugoslawischen Schriftstellerverbandes ernannt wurde und weiter für die Regierung arbeitete, bis zu seinem Tod am 13.März 1975 nicht wieder anknüpfen.

„Liest man die Chronik von Višegrad, weiß man: Was an dieser Brücke misslingt, kann überall misslingen, wo zwei Welten aufeinandertreffen; was hier gelingt, gibt Hoffnung auch für anderswo.“
[Karl-Markus Gauß im Nachwort von Andrić`s Roman Die Brücke über die Drina]

BIBLIOGRAPHIE:

„Die Brücke über die Drina“, Paul Zsolnay Verlag: Wien, 2015. 496 Seiten, gebunden. ISBN: 978-3-552-05777-7 / 25,90 Euro.
„Wesire und Konsuln“, Paul Zsolnay Verlag: Wien, 2016. 656 Seiten, gebunden. ISBN: 978-3-552-05802-6 / 28.00 Euro.
„Der verdammte Hof“, Suhrkamp Verlag: Berlin, 2016. 165 Seiten, gebunden. ISBN: 978-3-518-24101-1 / 11,95 Euro.
„Die Entwicklung des geistigen Lebens in Bosnien unter der Einwirkung der türkischen Herrschaft“, Wieser Verlag: Klagenfurt, 2011. 126 Seiten. ISBN 978-3-8512-9899-4 / 21,00 Euro.

Friedrich Dieckmann

© gezett.de

Schriftsteller, Essayist, Publizist

Friedrich Dieckmann wurde 1937 in Landsberg an der Warte geboren. Er wuchs im zerstörten Dresden auf und studierte später an der Universität Leipzig die Fächer Germanistik, Philosophie und Physik. Dieckmann lebt seit 1963 die mühsame Existenz eines freien Schriftstellers, schrieb und schreibt Essays u.a. für die Zeitschriften Theater der Zeit und Sinn und Form. Nur in der Zeit zwischen 1972 und 1976 war er als Dramaturg am Berliner Ensemble fest beschäftigt. Er ist Mitglied der Akademien der Künste in Berlin, Dresden und Leipzig sowie der Deutschen Akademie für Sprache und Dichtung. Für seine Arbeiten über den deutschen Komponisten, Dramatiker und Schriftsteller Richard Wagner erhielt Dieckmann 2013 den Richard-Wagner-Preis der gleichnamigen Leipziger Stiftung.
In seinen zahlreichen Büchern, Essays und Kritiken beschäftigt sich Dieckmann immer wieder mit den Wesensmerkmalen einer „deutschen Seele“, die sich für ihn aus kulturhistorischer Sicht unter anderem in den Werken Martin Luthers, Friedrich Schillers, Richard Wagners, Franz Schuberts oder Bert Brechts herauslesen lassen. Dabei gibt es „bei diesem Autor keine antiquarische Geschichtsschreibung“, wie Lothar Müller es über Dieckmann in der Süddeutschen Zeitung schrieb. Friedrich Dieckmann weiß, dass der Wert von Geschichte und Kultur vor allem in der Überlieferung, dem Weitergeben an die Nachkommenden besteht. Denn wenn das Vergessen übermächtig wird, endet die menschliche Kultur. Schon 2003 schrieb Dieckmann: „Die tiefsitzende Angst dieses Volkes vor besitzantastenden Positionen hat in Deutschland immer wieder zu Überreaktionen geführt, die sich als weitaus schädlicher erwiesen denn das reale Bedrohungspotential.“ Ein Übler wer hierbei heute an die Reaktionen auf die hilfesuchenden Flüchtlinge oder die Ausweitung des Überwachungsstaates denkt. Wie hellwach die gesellschaftliche Auffassungsgabe dieser außerordentlichen Gestalt der deutschen Publizistik ist, zeigt ein Beitrag Dieckmanns über Schiller aus dem Jahr 2005. Hier schon beschreibt er den zunehmenden Verfall eines Empfindens für Schönheit und Ästhetik innerhalb der Gesellschaft und beobachtet, dass immer mehr „das Hässliche, das meist nur das Rohe ist, (…) mit Inbrunst [herrscht], selten mit Witz ...“.

„Aber vor allem wirkt Dieckmann durch die Rolle des öffentlichen Intellektuellen, die ihm im Prozess des deutsch-deutschen Zusammenwachsens zukam. (…) Andererseits gibt es kaum einen anderen Autor, der ohne Scheu auch eine gerade unter Intellektuellen beargwöhnte Größe wie die Nation zum Thema machen kann.“ [Hermann Rudolph, Der Tagesspiegel]

BIBLIOGRAPHIE:

„Weltverwunderung. Nachdenken über Hauptwörter“, Quintus Verlag. Berlin, voraussichtlich September 2017, ISBN: 978-3-945256-02-7, 16,00 Euro. Noch nicht erschienen.
„Kulturnation und Nationalkultur – Von alten und neuen Herausforderungen“, Edition Europolis. Berlin, 2017, ISBN: 978-3-9814942-7-3, 19,90 Euro.
„Luther im Spiegel. Von Lessing bis Thomas Mann“, Quintus Verlag. Berlin, 2016, ISBN: 978-3-945256-76-3, 22,00 Euro.
„Vom Schloss der Könige zum Forum der Republik: Zum Problem der architektonischen Wiederaufführung“, Theater der Zeit. Bucha bei Jena, 2015, ISBN: 978-3957490230, 18,00 Euro.
„Das Liebesverbot und die Revolution. Über Wagner“, Suhrkamp/Insel. Frankfurt a.M., 2013, ISBN: 978-3-458-17569-8, 22,95 Euro.
„Pöppelmann oder Die Gehäuse der Lust“, Sandstein. Dresden, 2012, ISBN: 978-3942422963, 15,00 Euro.
„Deutsche Daten oder Der lange Weg zum Frieden“, Wallstein. Göttingen, 2009, ISBN: 978-3-8353-0572-4, 19,90 Euro.
„Meldungen vom Tage/Lyrische Notizen“, Eulenspiegel. Berlin, 2009, ISBN: 978-3359022220, 16,90 Euro.
„Die Freiheit ein Augenblick. Texte aus vier Jahrzehnten“, Theater der Zeit. Berlin, 2002, ISBN: 978-3934344143, 16 Euro.
„Freiheit ist nur in dem Reich der Träume. Schillers Jahrhundertwende“, Insel Verlag. Frankfurt a.M., 2009, ISBN: 978-3458174554. Vergriffen.
„Geglückte Balance. Auf Goethe blickend“, Insel Verlag. Frankfurt a.M. und Leipzig, 2008, ISBN: 978-3458173939. Vergriffen.
„Orpheus eingeweiht“, Insel Verlag. Frankfurt a.M., 2005, ISBN: 978-3458192749, ca. 16 Euro. Vergriffen.
„Dieser Kuss der ganzen Welt! Der junge Mann Schiller“, Insel Verlag. Frankfurt a.M. und Leipzig, 2005, ISBN: 978-3458172444. Vergriffen.
„Was ist deutsch? Eine Nationalerkundung“, Suhrkamp. Frankfurt a.M., 2002, ISBN: 978-3518122808. Vergriffen.
„Temperatursprung. Deutsche Verhältnisse“, Suhrkamp. Frankfurt am Main, 1995, ISBN: 978-3518119242. Vergriffen.

Peter Trawny

© Matthes & Seitz Berlin

Publizist, Autor, Philosoph.
Leiter des Martin-Heidegger-Instituts an der Bergischen Universität in Wuppertal

Peter Trawny wurde 1964 in Gelsenkirchen geboren, wo er auch aufwuchs. Nach zeitweiliger Arbeit im Steinkohlebergbau und dem Zivildienst studierte er Philosophie, Musikwissenschaft und Kunstgeschichte in Bochum und Freiburg. Er promovierte 1995 und habilitierte im Jahr 2000. Seidem arbeitet Trawny ohne eigenen Lehrstuhl auf der Basis von Vertretungs- und Gastprofessuren, häufig finanziert über Stipendien. 2012 begründete er das erste Martin-Heidegger-Institut an der Bergischen Universität in Wuppertal, welches rasch nach Gründung schon eine weltweite Anziehungskraft erlangte. 2013 entfachte Trawny einen der größten Skandale in der neueren Philosophiegeschichte, weil er als Herausgeber der sogenannten „Schwarzen Hefte“ Martin Heideggers nachwies, dass Heidegger auch nach 1945 weiterhin einem antisemitischen und judenfeindlichen Weltbild anhing.
Sein Buch Was ist deutsch? leitet Trawny mit der Feststellung ein, dass in Deutschland der einstmals vorhandene bundesrepublikanische Geist einer kritischen und reflexiven politischen Öffentlichkeit untergegangen sei. Der Verlust dieser „Denk-Ehrlichkeit“, die sich vor allem in den Bildungseinrichtungen und den Medien feststellen lasse, habe letztlich zu einem „Sarrazinschen Deutschland“ geführt, in dem Überzeugungen nicht mehr argumentativ dargelegt würden, sondern Auseinandersetzungen mittels demagogischer Vereinfachungen und Ressentiments ausgetragen werden. Trawny bezieht sich bei seinen Überlegungen vor allem auf Theodor W. Adorno und schreibt: „Die deutsche Identität ist nach Adorno durch einen nie zu heilenden Riss gezeichnet. Schließlich gehört zu einer solchen Nicht-Identität, dass ihre Instabilität sich als Offenheit für das Menschliche schlechthin erweist.“
Dennoch dürfe man „bei aller Aufweichung der Nationalstaatlichkeit“ nicht auf die Frage nach dem, was deutsch sei, verzichten, weil „Zuschreibungen der Herkunft unvermeidlich“ für jeden einzelnen Menschen seien. Jeder Einzelne müsse schließlich sein Leben erzählen können. Gerade deshalb ist die Ausbildung einer kulturellen Identität so bedeutsam, weil sich bei jedem Menschen gesellschaftliche Zugehörigkeit vor allem über das Bewusstsein von ethisch-historischen Gemeinsamkeiten entwickelt.

„Peter Trawny ist sich sicher: Der Philosoph Theodor W. Adorno hätte längst Stellung gegen die Forderung des AfD-Politikers Björn Höcke bezogen, wonach es einer 180-Grad-Kehrtwende in der deutschen Erinnerungskultur bedürfe.“
[Joachim Scholl im Gespräch mit Peter Trawny, Deutschlandfunk Kultur]

BIBLIOGRAPHIE:

„Was ist deutsch?“, Matthes & Seitz. Berlin, 2016, ISBN: 978-3-95757-376-6, 10 Euro.
„Europa kaputt? Für das Ende der Alternativlosigkeit“, Matthes & Seitz. Berlin, 2016, ISBN: 978-3-95757-280-6, 8 Euro.
„Martin Heidegger. Eine kritische Einführung“, Vittorio Klostermann, Frankfurt am Main 2016 ISBN 978-3-465-04261-7.
„Technik. Kapital. Medium“, Matthes & Seitz, Berlin, 2015, ISBN: 978-3-95757-091-8, 22,90 Euro.
„Irrnisfuge. Heideggers Anarchie“, Matthes & Seitz. Berlin, 2014, ISBN: 978-3-95757-032-1, 10 Euro.
„Heidegger und der Mythos der jüdischen Weltverschwörung“, Vittorio Klostermann, Frankfurt am Main 2014, ISBN 978-3-46504-204-4.
Martin Heidegger. Gesamtausgabe. 4 Abteilungen / Überlegungen II-VI: (Schwarze Hefte 1931-1938), Hg.: Peter Trawny. Vittorio Klostermann: Frankfurt am Main, 2014. 536 Seiten, gebunden. ISBN 978-3-46503-815-3 / 68,00 Euro.
„Ins Wasser geschrieben“, Matthes und Seitz, Berlin 2013 ISBN 978-3-88221-045-3, 12,80 Euro.
„Medium und Revolution“, Matthes und Seitz, Berlin 2011 ISBN 978-3-88221-574-8, 10 Euro.
„Adyton“. Heideggers esoterische Philosophie, Matthes und Seitz, Berlin 2010 ISBN 978-3-88221-662-2, 12,80 Euro.
„Die Autorität des Zeugen. Ernst Jüngers politisches Werk“, Matthes & Seitz, Berlin 2009 ISBN 978-3-88221-643-1, 22,80 Euro.
„Sokrates oder Die Geburt der Politischen Philosophie“, Königshausen & Neumann, Würzburg 2007 ISBN 978-3-82603-625-5, 24,80 Euro.
„Denkbarer Holocaust. Die politische Ethik Hannah Arendts“, Königshausen & Neumann, Würzburg 2005 ISBN 978-3-82603-082-6, 22,80 Euro.
„Heidegger und Hölderlin oder Der Europäische Morgen, Königshausen & Neumann, Würzburg 2004 ISBN 978-3-82602-631-7, 34,80 Euro.
„Martin Heidegger. Einführung“, Campus Verlag, Frankfurt und New York 2003 ISBN 978-3-59337-359-1.

Christoph Dieckmann

© Ch. Links Verlag

Autor und Publizist

Christoph Dieckmann wurde 1956 im brandenburgischen Rathenow als Sohn eines Pfarrers und einer Lehrerin geboren. Da ihm die Zulassung zum Abitur in der damaligen DDR verweigert wurde, machte er von 1972 bis 1974 zunächst eine Lehre zum Filmvorführer, bevor er 1975 die Facharbeiterprüfung bestand und anschließend Theologie in Leipzig und Ost-Berlin studierte. Nach seinem Studium arbeitete er u.a. als Vikar und als Medienreferent für die Evangelische Kirche der DDR. Er schrieb zuerst für Kirchenzeitungen in der DDR, bevor er begann, auch für den Sonntag, die kulturpolitische Wochenzeitung der DDR, zu schreiben, die sich nach der Wende ab 1990 in der Freitag unbenannte. Seit 1991 arbeitet Dieckmann für die Hamburger Wochenzeitung Die Zeit, bis 2005 als Redakteur, seitdem als Autor im Ressort des Hauptstadtbüros der Zeitung. „Die wollten unbedingt einen Ostler haben, aber mein damaliger Chef sagte mir zu Beginn: Man soll gar nicht wissen, wo sie herkommen, das ist überhaupt nicht wichtig, man soll es ihrem Schreiben nicht anmerken. Man hatte die, wie ich finde, etwas naive Vorstellung, einer Objektivität in der Beobachtung der ostdeutschen Dinge, eine gewisse faktische Weltsicht. Der konnte ich natürlich nicht genügen. Ich habe immer gesagt, ich schreibe von innen nach außen, ich schreibe das, was die Menschen nicht wahrnehmen und auch nicht zu hören bekommen in den doch sehr westlich geprägten deutschen Medien“, erzählt Dieckmann über seine Anfänge bei der Zeit.
In zahlreichen Texten und Büchern über Musik, Literatur, Film und Politik erzählt Christoph Dieckmann die deutsche Gegenwart immer aus dem Bestreben heraus, die Herkunft nicht zu vergessen. Im Mittelpunkt seines Schreibens steht dabei nicht die allgemeine Epochengeschichte, sondern immer das Individuum und das konkrete Leben. So auch in seinem neuen Buch, über das er im Kulturradio rbb sagt: „Sie haben mich vorhin gefragt, warum mein Buch Mein Abendland heißt. (…) Es gibt bestimmte Begriffe, die gebe ich nicht leichtfertig preis, auch wenn sie ambivalent sind. Ich diskutiere darüber, aber ich überlasse sie nicht kampflos irgendwelchen rechten Lümmeln, die davon einen missbräuchlichen Gebrauch machen und sie für ihre Kampfbegriffe einsetzen.“

„`Jedes Erinnern`, sagt Christoph Dieckmann, `ist autobiografisch.` Und: `Man sieht nur, was man weiß`. So gesehen ist sein jüngstes Buch ein kleines Meisterwerk. Keine einfache Wahrheit, aber eine lohnende Lektüre – für all jene, die wissen wollen, woher wir kommen.“
[Katrin Wenzel, MDR Kultur]

BIBLIOGRAPHIE (AUSWAHL):

„Mein Abendland. Geschichten deutscher Herkunft“, Ch. Links. Berlin, 2017, ISBN: 978-3-86153-938-4, 20,00 Euro.
„Freiheit, die ich meine. Unbeherrschte Geschichten“, Ch. Links. Berlin, 2012, ISBN: 978-3-86153-671-0, 22,00 Euro.
„Mich wundert, daß ich fröhlich bin. Eine Deutschlandreise“, Ch. Links. Berlin, 2009, ISBN: 978-3-86153-524-9, 22,00 Euro.
„Rückwärts immer. Deutsches Erinnern“, Ch. Links. Berlin, 2005, ISBN: 978-3-86153-350-4, 22 Euro.
„Volk bleibt Volk. Deutsche Geschichten“, Ch. Links. Berlin, 2001, ISBN: 978-3-86153-249-1, 18 Euro.
„Das wahre Leben im falschen. Geschichten von ostdeutscher Identität“, Ch. Links. Berlin, 2000, ISBN: 978-3-86153-195-1, 5 Euro. Vergriffen.
„My Generation. Cocker, Dylan, Honecker und die bleibende Zeit“, Ch. Links. Berlin, 1999, ISBN: 978-3-86153-168-5, 5 Euro. Vergriffen.
„Die Zeit stand still, die Lebensuhren liefen. Geschichten aus der deutschen Murkelei“, Ch. Links. Berlin, 1999, ISBN: 978-3-86153-057-2, 5 Euro. Vergriffen.

Herta Müller

© Stephanie von Becker

Schriftstellerin
Literaturnobelpreisträgerin 2009

„Ich kenne das Gehorchen im Überdruss, du sollst präpariert werden
für etwas, du sollst es im Leben für unbedingt notwendig halten.
Aber im Kopf entsteht genau das Gegenteil, du sagst dir, nie wieder (…).
Du machst dich frei, mindestens diese umgekehrte Freiheit geht einfach.“
[Herta Müller aus „Mein Vater war ein Apfelkern“]

Es ist Sonntag, der 18. Oktober 2009. Der letzte Tag der Frankfurter Buchmesse. Soeben hat Claudio Magris in der Frankfurter Paulskirche den Friedenspreis des Deutschen Buchhandels verliehen bekommen. Die Preisverleihung ist zu Ende und die Paulskirche leert sich. Sehr zum Schluss verlässt eine zierliche Person mit tiefdunklen Haaren die Paulskirche. Die Schriftstellerin Herta Müller, die geradewegs auf die dunkle Limousine des Fahrdienstes zugeht. Beim Publikum, das auf dem Platz vor der Kirche steht, regt sich vorsichtiger Beifall der rasch in einen anhaltenden Applaus übergeht. Herta Müller schaut sich unsicher, vielleicht auch ein wenig misstrauisch um. Aber ohne Zweifel gehört der Applaus ihr. Drei Tage zuvor, am Donnerstag, hat das schwedische Nobelpreiskomitee die Verleihung des Literaturnobelpreises an Herta Müller bekannt gegeben. Ein, fast ein wenig ängstliches, Lächeln kehrt in ihr Gesicht ein. Sie winkt flüchtig, ein in der Schwebe befangener Unglauben, und steigt in die Limousine.

Es war das Aufflackern eines an die Wirklichkeit sich herantastenden Misstrauens, welches bei dem Leser, der gleichzeitig Beobachter dieser Szene war, eine Verbindung zu den Romanen, Essays, lyrischen Collagen, usw., also zum Schreiben Herta Müllers hervorrief. Herta Müller ist der Sprache gegenüber misstrauisch. Sie schreibt, indem sie sich vorsichtig und mit Bedacht an die Wörter und Sätze herantastet. Dafür ist ihr der Begriff „Literatur“ viel zu abstrakt. „Der Literatur bin ich keinen Satz schuldig“, schreibt sie, „sondern dem Erlebten. Mir selber und mir allein, weil ich das, was mich umgibt, sagen können will.“
Herta Müllers Sprache entstand aus dem beredten Schweigen und der dialektgefärbten Dorfsprache des rumänischen Nitzkydorf, in dem sie 1953 geboren wurde. Ihre Familie gehörte zur deutschen Minderheit der Banater Schwaben. Obwohl sie aus ärmlichen Verhältnissen stammte, studierte Müller nach dem Abitur an der Universität des Westens in Temeswar Germanistik und Rumänistik. In dieser Zeit stand sie den Autoren der „Aktionsgruppe Banat“ nahe, zu denen unter anderem Richard Wagner, Rolf Bossert und Ernest Wichner gehörten. Nachdem die Gruppe vom rumänischen Geheimdienst Securitate zerschlagen wurde, organisierten sich die Autoren in der „Schriftstellervereinigung Adam Müller-Guttenbrunn“ neu, in der Herta Müller die einzige Frau war.
Nach Abschluss des Studiums arbeitete sie ab 1976 als Übersetzerin in einer Maschinenfabrik. Zu diesem Zeitpunkt begann die rumänische Geheimpolizei damit, sie als Spitzel rekrutieren zu wollen. Herta Müller widerstand den Versuchen und wurde deswegen zum Opfer von Aktionen, die sie innerhalb ihres gesellschaftlichen Umfeldes verleumdeten und isolierten. Drei Jahre lang widersetzte sie sich dem Druck der Securitate in der Maschinenfabrik, wurde dann aber 1979 entlassen. Fortan verdiente sie ihren Lebensunterhalt durch die zeitweilige Tätigkeit als Lehrerin, arbeitete in Kindergärten und gab privaten Deutschunterricht. Dem Druck der Todesangst durch die ständige Bedrohung des Geheimdienstes mildert Herta Müller seitdem durch ihr Schreiben. Für die Wahrnehmung eines Lebens, dessen Würde auch in einer Diktatur aufrecht erhalten bleibt, versucht sie durch Sprache eine Wahrheit zu erfinden, „die zeigt, was in und um uns herum passiert, wenn die Werte entgleisen.“ Gerade dies macht das Werk Herta Müllers heute so aktuell wie gegenwärtig, in einer Zeit, in der viel vom Bewahren einer Freiheit die Rede ist, von der es scheint, dass niemand genau weiß, was sich hinter diesem Wort eigentlich verbirgt.
Herta Müller reiste 1987 schließlich aus Rumänien aus und kam nach Deutschland, wo sie zunächst unter dem Verdacht, eine Securitate-Agentin zu sein, im deutschen Auffanglager Nürnberg-Langwasser mehrere Tage vom Bundesnachrichtendienst und vom Verfassungsschutz verhört wurde, bevor sie weiter nach Berlin ziehen konnte, wo sie bis heute als Schriftstellerin lebt.
In einem Essay über das Buch weiter leben von Ruth Klüger schrieb Herta Müller: „Jeder Satz zerstört die Ruhe des vorherigen, in der wir uns eingerichtet haben. Sie wird uns genommen, denn die Offenheit des nächsten Satzes ist mit der des vorherigen nicht zufrieden. Dies ist die Unruhe der bedingungslosen Ehrlichkeit.“ Besser lässt sich auch das Werk der Literaturnobelpreisträgerin Herta Müller nicht beschreiben.

„Es gibt Literatur, die ihre tieferen Qualitäten erst langsam, Schritt für Schritt offenbart. Und dann gibt es Literatur, die den Leser sofort direkt anspricht und fesselt. Herta Müllers Werk gehört zu letzterer. In ihrer Prosa findet sich eine sprachliche Energie, die uns von Beginn an mit einbezieht. Es steht etwas auf dem Spiel, bei dem es um Leben und Tod geht. Wir spüren das schon an der Temperatur, dem kurzen Atmen, dem markanten Detail, an allem, das angedeutet wird, aber ungesagt bleiben muss. Diese Energie kommt aus der Weigerung, das zu akzeptieren, was ist.“
[Anders Olsson, Auszug aus der Nobelpreis-Laudatio auf Herta Müller]

BIBLIOGRAPHIE (AUSWAHL):

„Mein Vater war ein Apfelkern. Ein Gespräch“, Carl Hanser Verlag: München, 2014; 240 Seiten, gebunden. ISBN 978-3-446-24663-8 / 19,90 Euro.
„Hunger und Seide. Essays“. Carl Hanser Verlag: München, 2015. 192 Seiten, gebunden. ISBN 978-3-446-24765-9, 18,90 Euro.
„Vater telefoniert mit den Fliegen“. Carl Hanser Verlag: München, 2012. 192 Seiten, gebunden. ISBN 978-3-446-23857-2, 22,00 Euro.
„Immer derselbe Schnee und immer derselbe Onkel“. Carl Hanser Verlag: München, 2011. 256 Seiten, gebunden. ISBN 978-3-446-23564-9, 19,90 Euro.
„Reisende auf einem Bein“. Carl Hanser Verlag: München, 2010. 176 Seiten, gebunden. ISBN 978-3-446-23534-2, 17,90 Euro.
„Niederungen“. Carl Hanser Verlag: München, 2010. 176 Seiten, gebunden. ISBN 978-3-446-23524-3, 16,90 Euro.
„Lebensangst und Worthunger. Leipziger Poetikvorlesungen 2009. Im Gespräch mit Michael Lentz“, Suhrkamp Verlag: Berlin, 2010. 55 Seiten, kartoniert. ISBN 978-3-518-12620-2; 8,00 Euro.
„Atemschaukel“. Carl Hanser Verlag: München, 2009. 304 Seiten, gebunden. ISBN 978-3-446-23391-1, 19,90 Euro.
„Heute wäre ich mir lieber nicht begegnet“. Carl Hanser Verlag: München, 20009. 240 Seiten, gebunden. ISBN 978-3-446-23521-2, 19,90 Euro.
„In der Falle. Drei Essays“. Wallstein Verlag: Göttingen, 2009. 62 Seiten, Klappenbroschur. ISBN 978-3-8353-0650-9; vergriffen.
„Der Mensch ist ein großer Fasan auf der Welt“. Carl Hanser Verlag: München, 2009. 112 Seiten, gebunden. ISBN 978-3-446- 23443-7, 14,90 Euro.
„Der Fuchs war damals schon der Jäger“. Carl Hanser Verlag: München, 2009. 288 Seiten, gebunden. ISBN 978-3-446-23333-1, 19,90 Euro.
„Herztier“. Carl Hanser Verlag: München, 2007. 256 Seiten, gebunden. ISBN 978-3-446-20877-3, 21,50 Euro.
„Die blassen Herren mit den Mokkatassen“. Carl Hanser Verlag: München, 2005. 112 Seiten, gebunden. ISBN 978-3-446-20677-9, 17,90 Euro.
„Der König verneigt sich und tötet“. Carl Hanser Verlag: München, 2003. 208 Seiten, gebunden. ISBN 978-3-446-20353-2, 17,90 Euro.
„Akzente“-Heft 3/2015: Wörter. Hrsg. von Herta Müller und Jo Lendle; Carl Hanser Verlag: München, 2015. 96 Seiten, gebunden. ISBN 978-3-446-24960-8, 9,60 Euro.
Text + Kritik, Heft 155: „Herta Müller“. Edition text + kritik: München, 2002. 105 Seiten, kartoniert. ISBN 978-3-8837-7716-0, 14,00 Euro.
„Eine warme Kartoffel ist ein warmer Bett. Kolumnen“, Europäische Verlagsanstalt: Hamburg, 1992. 84 Seiten, fester Einband. ISBN 978-3-434-50014-8; 18,00 Euro.

Heinz Bude

© Peter-Andreas Hassiepen

Sozialwissenschaftler
Bücher u.a.: Das Gefühl der Welt. Über die Macht von Stimmungen [2016]; Gesellschaft der Angst [2014]

Heinz Bude, 1954 in Wuppertal geboren, studierte Soziologie, Philosophie und Psychologie in Tübingen und an der Freien Universität Berlin. Er habilitierte mit einer Arbeit über die Herkunftsgeschichte der 68er-Generation. Seit 1992 arbeitete er am bekannten Hamburger Institut für Sozialforschung, wo er von 1997 bis 2014 den Bereich „Die Gesellschaft der Bundesrepublik“ leitete. Seit 2000 hat Bude den Lehrstuhl für Makrosoziologie an der Universität in Kassel inne. Seine Arbeitsschwerpunkte, in denen er sich oft mit der konkreten Lebenswirklichkeit der Menschen auseinandersetzt, liegen in den Bereichen der Generations-, Exklusions- und Unternehmerforschung. Bude gehört zu den prominentesten Sozialwissenschaftlern Deutschlands.
In seinem jüngsten Buch Das Gefühl der Welt stellt Bude innerhalb der deutschen Gesellschaft ein Gefühl der immer weiter um sich greifenden Gereiztheit fest, welches aus einer Enttäuschung an der Gegenwart entsteht und, als viel zentraleres Problem, aus dem Gefühl heraus, das auch die Zukunft nichts besseres mehr verspricht. Besonders bei der jüngeren Generation konstatiert er ein Stimmungsbild, dass von einer Welt mit nicht mehr zu lösenden Problemen ausgeht und auch keinen Weg mehr erkennen lässt, wie bestimmte Entwicklungen, die sich vom Leben in einer freien und gerechten Welt als Zweck von Entscheidungen und Handlungen gelöst hätten (Finanzmarkt, maßloser Neokapitalismus, Zunahme der Ungleichheit und prekäre Berufsperspektiven, Durchökonomisierung des Lebens, Aufhebung der Privatsphäre, Partizipations- und Vertrauensverlust gegenüber der demokratischen Volksvertretung, globale Instabilität usw.), wieder zusammengefügt werden könnten. Nach Bude sind es zwei Typen, die derzeit die Debatte bestimmen: Zum einen der „heimatlose Antikapitalist“, der sich sowohl über die Lügenpresse und die politischen Volksverdummer als auch über eine Politik ohne Alternative, die zunehmende ökologische Krise oder die gezielte Einwanderung empört. Zum anderen der „entspannte Systemfatalist“, der die gefühlte Unregulierbarkeit des Systems positiv umdeutet und sich Trittbrettfahrer des Systems durchzuwursteln versucht.
„Im Kern“, so Bude gegenüber der Frankfurter Rundschau, „erleben wir eine gesellschaftliche Verstimmtheit, die sich gegen die Politik und das Establishment richtet. Was sich auf sehr ruppige Weise äußert, kann man als eine Art Revanche an der Politik beschreiben. Man könnte sagen, dass der Versuch, sich dabei entschieden von Stimmungen leiten zu lassen, eine Art Trotzreaktion auf die Gesellschaftsvergessenheit der Politik ist.“

„… vieles in dem Buch von Heinz Bude bietet Bausteine an, um die Welt, in der wie hier und heute leben, besser zu verstehen. Das Buch ist klug und inspirierend und soll gelesen werden.“ [Bodo Morshäuser, Deutschlandradio Kultur]

BIBLIOGRAPHIE (AUSWAHL):

„Das Gefühl der Welt“, Hanser: München, 2016. 144 Seiten, gebunden. ISBN: 978-3-446-25065-9 / 18,90 Euro.
„Gesellschaft der Angst“, Hamburger Edition: Hamburg, 2014. 150 Seiten, gebunden. ISBN: 978-3868542844 / 16,00 Euro.
„Bildungspanik. Was unsere Gesellschaft spaltet“, dtv: München, 2013. 144 Seiten, Taschenbuch. ISBN 978-3- 423-34793-8 / 9,90 Euro.

Wilhelm Heitmeyer

© Privat

Soziologe und ErziehungswissenschaftlerBücher u.a.: Autoritäre Versuchungen [November 2017]; als Herausgeber: Deutsche Zustände. Folge 10 [2011]

Wilhelm Heitmeyer, 1945 in Nettelstedt geboren, absolvierte seine Schulzeit in Lübbecke und studierte anschließend in Bielefeld Soziologie und Erziehungswissenschaften. Er promovierte 1977 und habilitierte zehn Jahre später. Seit 1982 richten sich seine sozialwissenschaftlichen Forschungsinteressen auf die Bereiche Fremdenfeindlichkeit, Gewalt, Rechtsextremismus, ethisch-kulturelle Konflikte, Islamismus und soziale Desintegration. Wegen ihrer Asylpolitik verließ Heitmeyer 1992 die SPD. 1996 gründete er an der Universität in Bielefeld das Institut für interdisziplinäre Konflikt- und Gewaltforschung, das er bis 2013 als Direktor leitete. Seit 2002 arbeitete Heitmeyer mit einer Gruppe engagierter Wissenschaftlerinnen und Wissenschaftler an der weltweit größten Studie über die Ausmaße, Entwicklungen und Ursachen negativer Vorurteile. Für diese im Jahr 2011 beendete grundlegende empirische Langzeituntersuchung, die unter dem Titel „Deutsche Zustände“ veröffentlicht wurde, erhielt Heitmeyer 2012 den Göttinger Friedenspreis.
Heitmeyers Theorie der „Sozialen Desintegration“ bildete das theoretische Gerüst zur Durchführung der Langzeitstudie, in der die verschiedenen Formen von Desintegrationserfahrungen von Menschen innerhalb einer Gesellschaft für das Voranschreiten der sogenannten „gruppenbezogenen Menschenfeindlichkeit“ deutlich erkennbar wird. Unter Desintegration werden hierbei die nicht eingelösten Leistungen gesellschaftlicher Institutionen und Gemeinschaften verstanden, die innerhalb einer Gesellschaft zur Sicherung der materiellen Grundlagen, der sozialen Anerkennung und der persönlichen Unversehrtheit dienen.
Die Langzeitstudie nahm von Jahr zu Jahr ein Anwachsen von Desintegration und Ungleichheiten in der Gesellschaft wahr, so dass Heitmeyer am Ende der Studie von einem „entsicherten Jahrzehnt“ sprach, in dem Zukunftssorgen und Krisenereignisse wie der 11. September 2001, die Einführung von „Hartz IV“ 2005 und die Finanzkrise von 2008 gesellschaftliche Ängste verstärkt und zu einer immer größeren „Demokratieentleerung“ geführt hätten. „Begleitet wird dieser Prozess (…) von der Ausbildung einer rohen Bürgerlichkeit mithilfe intellektueller Eliten, um einen Jargon der Verachtung salonfähig zu machen und so auch die bisherige Pufferwirkung höherer Bildung gegen eine Abwertung schwacher Gruppen aufzulösen“, so Heitmeyer.

„Als Wissenschaftler wundert man sich nicht über die Erfolge wie die der AfD. Man wundert sich darüber, weshalb sich bei den politischen und medialen Eliten so viele plötzlich wundern. Man konnte es schon lange wissen. Aber man wollte es nicht wissen. Die prekäre Zivilität wollte man nicht wahrnehmen.“
[Wilhelm Heitmeyer in der Berliner Zeitung vom 22. Oktober 2016]

BIBLIOGRAPHIE (AUSWAHL):

„Deutsche Zustände“, Folge 10, Suhrkamp: Frankfurt a.M., 2011, ISBN: 978-3-518-12647-9 / 15,00 Euro.
„Deutsche Zustände“, Folge 1 – 9, Suhrkamp. Frankfurt a.M., 2002 – 2010.„Autoritäre Versuchungen – Signaturen der Bedrohung I“, Suhrkamp. Frankfurt a.M., November 2017, 200 Seiten, ISBN: 978-3-518-12717-9, 16,00 Euro.

Ralf Fücks

© Julia Baier

Bis Ende Juni 2017 Vorstand der Heinich-Böll-Stiftung
Bücher: Freiheit verteidigen [2017]; Intelligent wachsen. Die grüne Revolution [2013]

Ralf Fücks wurde 1951 im pfälzischen Edenkoben geboren. Er studierte Sozialwissenschaft, Ökonomie und Geschichte in Heidelberg und Bremen und war in der Studentenbewegung und der außerparlamentarischen Opposition aktiv. 1982 schloss er sich den Grünen an, für die er von 1985 bis 1989 erstmals in der Bremischen Bürgerschaft saß. Von 1991 bis 1995 war er Bremer Senator für Stadtentwicklung und Umweltschutz sowie zweiter Bürgermeister der Bremer „Ampelkoalition“. Fücks zählte seit jeher zu den Vordenkern der Grünen. Entschieden sprach er sich dafür aus, die Grünen zu einer Regierungspartei zu machen. Von 1996 bis 2017 war Fücks einer von zwei Vorständen der Heinrich-Böll-Stiftung, die er nach Meinung des Tagesspiegels zum interessantesten Think-Tank in Berlin und gleichzeitig zu einem dauerhaften „geistigen Unruheherd“ für die Grünen gemacht hat: „Er selbst ist eine wandelnde moralische und politische Herausforderung für die grüne Familie und alles, was Mehrheiten dort für unabänderliche Gewissheiten halten.“ Fücks publiziert in den großen deutschen Tages- und Wochenzeitungen, in internationalen politischen Zeitschriften sowie im Internet zu den Themen Ökologie-Ökonomie, Politische Strategie, Europa und Internationale Politik.
Schon 2016 lieferte Ralf Fücks in einem Artikel mit der Überschrift „Kampf um die Moderne“ gleich zu Beginn folgende Gegenwartsdiagnose: „Die zentrale Konfliktlinie verläuft heute zwischen der offenen Gesellschaft und den diversen Spielarten des Gemeinschaftsradikalismus. Die Herausforderung lautet, den rasanten Wandel der globalen Moderne mit dem Bedürfnis nach Zugehörigkeit und Sicherheit in Einklang zu bringen.“
Indem er die historischen Entwicklungslinien seit der Französischen Revolution nachzeichnet, verdeutlicht Fücks in seinem im März erschienenen Buch Freiheit verteidigen, welche Werte es denn eigentlich zu verteidigen gilt, wenn wir von den sogenannten „westlichen Werten“ reden. Im Mittelpunkt seines Denkens steht dabei an erster Stelle die Freiheit, die das wichtigste Gut einer offenen Gesellschaft darstellt und die derzeit durch die Rückkehr antidemokratischer Strömungen in Gefahr zu geraten scheint: „Rechtspopulistische bis rechtsradikale Parteien wie der Front National in Frankreich (…) sind die neuen Arbeiterparteien. Sie finden aber auch Anklang im bürgerlichen Milieu. Es sind nicht nur soziale Abstiegsängste, die diese Parteien befeuern. Auch kulturelle Gründe spielen eine Rolle, etwa die Ablehnung der Schwulenehe oder der Affekt gegen die angebliche „Überfremdung“ Europas“, beschrieb es Fücks kürzlich in einem Interview.

Freiheit verteidigen ist eine der umsichtigsten und gehaltvollsten Diagnosen einer von antiliberalen Kräften bedrohten Gegenwart, die sich derzeit finden.“
[Karen Horn, Neue Zürcher Zeitung]

BIBLIOGRAPHIE (AUSWAHL):

„Freiheit verteidigen. Wie wir den Kampf um die offene Gesellschaft gewinnen“, Hanser: München, 2017, ISBN: 978-3-446-25502-9, 18,00 Euro.
„Intelligent wachsen. Die grüne Revolution“, Hanser: München, 2013, ISBN: 978-3-446-43484-4, 22,90 Euro.

Andrej Nikolaidis

© Radoslav Ratkovic

Schriftsteller

Es ist faszinierend, Romane oder andere Texte von Andrej Nikolaidis zu lesen. Dieser Autor versteht es, mit einer unwiderstehlichen Sprache die geballte Hoffnungslosigkeit einer Gesellschaft und des einzelnen Menschen zu erzählen, dass einem mit eigentümlicher Verstörung gleichzeitig Bestürzung und Genuss befallen. In seiner kurzen Erzählung „Die Melancholie der Linken“ schreibt Nikolaidis: „Die Zukunft, das ist doch nur ein Gerücht! Und seriöse Menschen befassen sich nicht mit Gerüchten. Daher verwenden hier die Menschen ihre gesamte Energie auf das Erfinden der Vergangenheit. (…) Wenn wir uns eine bessere Welt vorstellen, erinnern wir uns im Grunde an sie. Wir lehnen es ab zu hoffen, außer auf das, was unwiederbringlich vergangen ist.“ Natürlich beschreibt Nikolaidis hier den Zustand der Gesellschaft des zusammengebrochenen, nicht mehr existierenden Jugoslawiens. Dennoch spürt man als Leser, dass einen diese Zeilen angehen, ja betreffen, unabhängig von ihrer Herkunft und der ihres Verfassers, der es wie ein Albert Camus oder ein Thomas Bernhard vollbringt, mit seiner Literatur ein existentialistisches Gefühl einzufangen, das Leser heute in den unterschiedlichsten Ländern miteinander teilen. In seinem Roman Der Sohn entwickelt die Beschreibung dieser stimmungsvollen Sprachlawine an Hoffnungslosigkeit einen Sog, dem man bis zum überraschenden Schluss erliegt: Der Held ist hier der Schriftsteller Konstantin, ein Menschenfeind, der von seiner Frau verlassen wurde und zu seinem Vater, der ihm gegenüber wohnt, kein Verhältnis mehr hat. Mit einer Menge Alkohol streift er durch die Straßen einer von Touristen überlaufenen montenegrinischen Kleinstadt und begegnet dabei jeder Menge seltsam-surrealer Gestalten.
Andrej Nikolaidis, geboren 1974, wuchs als Kind einer montenegrinisch-griechischen Familie in Sarajevo auf. 1992 musste er aus dem belagerten Sarajevo fliehen und lebt seither in Ulcinj, der südlichsten Stadt Montenegros. Hier arbeitet er als Schriftsteller und freier Publizist. Mit seinen schonungslosen Anti-Kriegs-Reportagen und seinem bedingungslosen Eintreten für Minderheitenrechte und gegen Nationalismus zählt Nikolaidis zu den einflussreichsten Intellektuellen in Ex-Jugoslawien. Seit 2010 ist er als Berater für Kultur und Fragen der offenen Gesellschaft im montenegrinischen Parlament tätig. Seine Romane wurden in mehrere Sprachen übersetzt. Auf Deutsch erschien 2014 der Roman Die Ankunft und im Jahr darauf Der Sohn, für den Nikolaidis mit dem Literaturpreis der Europäischen Union ausgezeichnet wurde.

„Die introspektiven Erzählteile mitsamt den zahlreichen Rückblenden verknüpft Andrej Nikolaidis dramaturgisch großartig mit den bizarren Kleinstadterlebnissen seines Anti-Helden.“
[Florian Schmid, neues deutschland]

BIBLIOGRAPHIE:

„Der Sohn“, Voland & Quist: Dresden, 2015. 140 Seiten, fester Einband. ISBN: 978-3-863911-12-6; 16,90 Euro.
„Die Ankunft“, Voland & Quist: Dresden, 2014. 144 Seiten, fester Einband. ISBN: 978-3-863910-66-2; 16,90 Euro.

Ingo Schulze

© Gaby Gerster

Schriftsteller

In seiner Vorstellungsrede an der Deutschen Akademie für Sprache und Dichtung erklärte Ingo Schulze 2007: „Mein Problem ist nicht das Verschwinden des Ostens, sondern das Verschwinden des Westens unter der Lawine einer selbstverschuldeten Ökonomisierung aller Lebensbereiche, die Begriffe wie Freiheit und Demokratie zunehmend zum Popanz macht.“ Vor dem Hintergrund dieser formulierten Beunruhigung veröffentlichte Schulze 2012 die Parabel Unsere schönen neuen Kleider, in der er die ethischen Grundsätze unseres demokratischen Selbstverständnisses hinterfragte. Anfang September erscheint nun nach vielen Jahren wieder ein langerwarteter Roman von Ingo Schulze, dem er den Titel Peter Holtz. Sein glückliches Leben von ihm selbst erzählt gegeben hat. Beim Lesen stellt man schnell fest, dass dem Autor die Beunruhigung über den Zustand unserer Gesellschaft noch nicht verlassen hat. Der barock anmutende Titel weist darauf hin, dass es sich hierbei um einen Schelmenroman handelt und Schulze schickt seinen abenteuerlichen Simplicissimus, dem er den Namen Peter Holtz gegeben hat, von 1974 bis 1998 zunächst durch die DDR und dann durch ein wiedervereinigtes Deutschland. Mit großer Naivität schlägt sich dieser Peter Holtz, der sich für alles interessiert, „was zum gesellschaftlichen Fortschritt beiträgt“, zuerst durch die Lügen des Kommunismus und dann durch die Unwahrheiten des Kapitalismus. Er staunt über alles, was ihm dabei passiert, und weist so auf die Unsinnigkeit hin, mit denen wir uns mit Selbstverständlichkeiten abfinden, die seitens Dritter einfach als gegeben hingestellt werden. Dazu Ingo Schulze: „In diesem Sinne ist Peter Holtz der Versuch, meine eigenen Selbstverständlichkeiten zu befragen, also das in Frage zu stellen, worüber ich gar nicht mehr nachdenke, weil es mir als gegeben erscheint. (…) Plötzlich ist da einer, der reagiert ganz anders als alle, nur weil er glaubt, das Nächstliegende zu tun.“ Mit viel Humor und Poesie hat Schulze damit erneut ein großartiges Stück Literatur geschaffen, in der es für ihn, wie stets, um alles geht: um die Erzählung eines glücklichen Lebens.
Ingo Schulze, der bereits zum vierten Mal zu Gast bei den „Poetischen Quellen“ ist, wurde 1962 in Dresden geboren. Er studierte klassische Philologie in Jena und arbeitete in Altenburg als Schauspieldramaturg und Zeitungsredakteur. Seit Mitte der 1990er-Jahre lebt er in Berlin. Seine Bücher wurden vielfach ausgezeichnet und sind in mehr als 30 Sprachen übersetzt.

„Über Literatur spreche ich lieber aus der Sicht des Lesers. Denn als Leser kann ich mit Bestimmtheit sagen, dass ich Literatur brauche, weil sie mich mit meinen Erfahrungen nicht allein lässt, weil sie diese an Menschheitserfahrungen misst.“
[Ingo Schulze, Vorstellungsrede an der Deutschen Akademie für Sprache und Dichtung]

BIBLIOGRAPHIE (AUSWAHL):

„Peter Holtz. Sein glückliches Leben von ihm selbst erzählt“, S. Fischer Verlag: Frankfurt a.M., September 2017. 576 Seiten, gebunden., ISBN: 978-3-10-397204-7; 22,00 Euro.
„Unsere schönen neuen Kleider. Gegen die marktkonforme Demokratie – für demokratiekonforme Märkte“, Hanser: Berlin, 2012, ISBN: 978-3-446-24091-9, 10,00 Euro.
„Was wollen wir? Essays, Reden, Skizzen“, dtv: München, 2011. 368 Seiten, kartoniert. ISBN: 978-3-423-13990-8, 12,90 Euro.
„33 Augenblicke des Glücks“; dtv: München, 2009. 320 Seiten, kartoniert. ISBN 978-3-423-19129-6; 9,90 Euro.
„Neue Leben“, Berlin Verlag. 2005, ISBN: 3-8270-0052-1, 22,00 Euro.
„Neue Leben. Roman“, dtv: München, 2007. 800 Seiten, kartoniert. ISBN: 978-3-423-13578-8; 9,90 Euro
„Simple Storys. Ein Roman aus der ostdeutschen Provinz“; dtv: München, 1999. 320 Seiten, kartoniert. ISBN 978-3-423-12702-8; 9,90 Euro.
„Orangen und Engel. Italienische Skizzen“, dtv: München, 2012. 192 Seiten, ISBN 978-3-423-14107-9; 11,90 Euro.
„Adam und Evelyn“, dtv: München, 2010. 320 Seiten, ISBN 978-3-423-13876-5; 11,90 Euro.
Text + Kritik, Heft 193: „Ingo Schulze“. Edition text + kritik: München, 2012. 100 Seiten, kartoniert. ISBN 978-3-8691-6145-7, 18,00 Euro.
„Handy. Dreizehn Geschichten in alter Manier“, dtv: München, 2009, 288 Seiten, ISBN 978-3-423-13811-6; 8,90 Euro.

Maja Pflug

© Poetische Quellen

Übersetzerin, Autorin
Bücher: Cesare Pavese, Der Mond und die Feuer [2016; als Übersetzerin], Natalia Ginzburg. Eine Biographie [2011]

Vor 13 Jahren war die Übersetzerin Maja Pflug zum ersten Mal zu Gast bei den „Poetischen Quellen“. Im Rahmen des damaligen Italienschwerpunktes stellte sie das Werk der italienischen Schriftstellerin Natalia Ginzburg vor, über die sie bereits 1995 eine Biographie geschrieben hatte, die auch ins Italienische übersetzt wurde. Diesmal stellt sie ihre Neuübersetzung von Cesare Paveses letzten, im April 1950 veröffentlichten Roman Der Mond und die Feuer vor. Literarische Genauigkeit, stilistische Klarheit und großes sprachliches Einfühlungsvermögen zeichnen diese Neuübersetzung aus, die im Zürcher Rotpunktverlag erschienen ist und der weitere Neuübersetzungen Paveses folgen sollen.
1946 in Bad Kissingen geboren, absolvierte Maja Pflug ihre Übersetzerausbildung in München, Florenz und London und übersetzt nun schon seit über vierzig Jahren italienische Literatur ins Deutsche, u.a. Pier Paolo Pasolini, Fabrizia Ramondino, Rosetta Loy, Alberto Nessi, Giovanni Orelli und natürlich Natalia Ginzburg und Cesare Pavese. 1987 wurde Maja Pflug mit dem Premio Montecchio ausgezeichnet, es folgten 1999 der Christoph-Martin-Wieland-Übersetzerpreis und 2007 der Jane Scatcherd-Preis. 2011 erhielt sie für ihr Lebenswerk den Deutsch-Italienischen Übersetzerpreis. Sie lebt und arbeitet in Rom, München und der Toskana.
„Der Mond und die Feuer“ erscheint wie ein Resümee. Für viele ist es Paveses bester Roman, weil er die knappe, realistische Sprache mit einem lyrischen Ton verbindet. (…) Die elegante Übersetzung von Maja Pflug wird dem nun auch im Deutschen gerecht. Es ist das Buch gewesen, an dem Pavese mit der größten Freude und sogar mit Leichtigkeit gearbeitet hat.“
[Tobias Eisermann, WDR 3]

„Zwischen der Bedeutung, die Cesare Pavese noch immer für ein italienisches Publikum besitzt, und seiner Wahrnehmung im deutschen Sprachraum herrscht mittlerweile ein steiles Gefälle: (…) Doch veröffentlicht der Zürcher Rotpunktverlag nun eine Neuübersetzung des Romans Der Mond und die Feuer (…), die ermessen lässt, was da verschwunden ist.“
[Thomas Steinfeld, Süddeutsche Zeitung]

BIBLIOGRAPHIE:

„Natalia Ginzburg. Eine Biographie“, Wagenbach Verlag: Berlin, 2011, ISBN: 978-3-8031-2674-0, 12,90 Euro.
Cesare Pavese: „Der Mond und die Feuer“, Neuübersetzung von Maja Pflug, Rotpunktverlag. 2016, ISBN: 978-3-85869-715-8, 24,00 Euro.
Cesare Pavese: „Das Handwerk des Lebens. Tagebuch 1935-50“, übersetzt von Maja Pflug, Claassen Verlag. 2001, ISBN: 978-3546002233, 24,99 Euro.

Lothar Müller

© Rolf Walter

Literaturkritiker, Publizist, Autor

Lothar Müller,
geboren 1954, studierte Germanistik und Geschichte in Marburg. Er war Dozent für Allgemeine und Vergleichende Literaturwissenschaft an der FU Berlin und arbeitete von 1997 bis 2001 als Redakteur im Literaturblatt der Frankfurter Allgemeinen zeitung. Heute ist er Literaturkritiker und Redakteur im Feuilleton der Süddeutschen Zeitung mit Sitz in Berlin und seit 2010 auch Honorarprofessor an der Humboldt-Universität zu Berlin. Im Jahr 2000 erhielt Müller den vom Börsenblatt für den Deutschen Buchhandel vergebenen Alfred-Kerr-Preis, 2008 den Johann-Heinrich-Merck-Preis für literarische Kritik und Essay der Deutschen Akademie für Sprache und Dichtung, 2013 den Berliner Preis für Literaturkritik und 2015 schließlich den Antiquarier-Preis für besondere Leistungen zur Förderung und Pflege der Buchkultur.

„Ob Lothar Müller den verwertbaren Satz für die Verlagsvorschau bewusst vermeidet oder ob er ihn erst gar nicht denkt, sei dahingestellt: Sein Lob verkörpert sich in der Genauigkeit und Differenziertheit, mit der er Texte transparent zu machen versteht, sodass sie durch seine Lektüre von innen zu leuchten beginnen.“ [Ingo Schulze, Laudatio auf Lothar Müller 2008]

„Seine journalistischen Arbeiten sind für den Tag geschrieben, gehören aber dank der Souveränität ihres Verfassers ins kulturelle Pantheon. Namentlich seine Buchkritiken bestechen, bei hohem Reflexions- und Argumentationsniveau, mit ihrer prägnanten klaren Sprache und der unbedingten Sachlichkeit des Rezensenten. Zum Bild des vorzüglichen und nicht zuletzt lauteren Literaturkritikers gehört das des Redakteurs, der keine Literaturpolitik betreibt, obwohl er eine der Schlüsselpositionen der deutschen Literaturkritik besetzt.“
[Jurybegründung zur Vergabe des Preises der Berliner Literaturkritik an Lothar Müller]

BIBLIOGRAPHIE:

„Weiße Magie. Die Epoche des Papiers“, Carl Hanser Verlag: München, 2012. 384 Seiten, gebunden. ISBN 978-3-446-23911-1; 24,90.
Die zweite Stimme. Vortragskunst von Goethe bis Kafka“, Verlag Klaus Wagenbach: Berlin, 2007. 160 Seiten, gebunden. ISBN 978-3-8031-5176-6; 29,00 Euro.

Cesare Pavese

© Rotpunktverlag

Schriftsteller (1908 – 1950)

„Es war übrigens nie einfach, ein Gespräch mit ihm zu führen, selbst wenn er sich lustig gab; aber eine Begegnung mit ihm, auch wenn sie nur aus wenigen Worten bestand, konnte belebend und anregend sein wie keine andere. In seiner Gesellschaft wurden wir viel klüger; wir fühlten uns dazu getrieben, in unsere Worte das Beste und Ernsteste zu legen, das in uns war; wir warfen die Gemeinplätze, die ungenauen Gedanken, das Widersprüchliche von uns.“
[Die Schriftstellerin Natalia Ginzburg über Cesare Pavese]

Am 27. August 1950 bringt sich der italienische Schriftsteller Cesare Pavese im Turiner Hotel Roma an der Piazza San Carlo Felice gegenüber des Bahnhofs Porta Nuova mit Schlaftabletten um. Mit erst 42 Jahren steht Pavese zu diesem Zeitpunkt nicht nur in Italien auf dem Höhepunkt seines literarischen Ruhmes. Kurz davor hatte er noch den berühmten Literaturpreis Premio Strega für seine Erzählung Der schöne Sommer erhalten. Im Hotelzimmer fand man auf Paveses Nachttisch sein Buch Gespräche mit Leuko aufgeschlagen liegen, in das er seine letzten Sätze notiert und mit seinem Namen unterschrieben hatte: „Ich verzeihe allen und bitte alle um Verzeihung. Recht so? Macht nicht zuviel Gerede darum. Cesre Pavese“
Geboren wurde Pavese 1908 in dem Dorf Santo Stefano Belbo, das in der sanft geschwungenen Hügellandschaft der piemontesischen Langhe liegt. Sein Leben lang verlor er nie den Bezug zu dieser Landschaft, die er symbolhaft immer wieder in seine Gedichte, Erzählungen und Romane einfügte und die den Ausgangspunkt für seine nicht vollendete Theorie über den Mythos darstellte.
Das Studium der Literaturgeschichte schloss er an der Turiner Universität mit einer Arbeit über den amerikanischen Dichter Walt Whitman ab. „Ich brauche kein Monatsgehalt. (…) Mir genügt ein Teller Suppe und Tabak“, zitiert Natalia Ginzburg ihren Freund Pavese, der seinen Lebensunterhalt nach dem Studium als Vertretungslehrer am Gymnasium und mit Übersetzungen vor allem amerikanischer Autoren wie Melville, Whitman, Faulkner, Steinbeck und Sinclair Lewis verdiente. Durch die Schulung an diesen Autoren erneuerte er mit seiner eigenen schriftstellerischen Arbeit die italienische Literatursprache, in die durch ihn die gesprochene Sprache, durchsetzt mit Slangausdrücken, Soziolekten und dialektalen Färbungen Einzug hielt. 1938 trat Pavese in fester Anstellung dem Turiner Verlagshaus Einaudi bei und hatte maßgeblichen Anteil daran, dass Einaudi bis in die 70er Jahre hinein der kulturell einflussreichste Verlag Italiens blieb.
Die Gebrochenheit des Lebens, die Suche nach den eigenen Wurzeln, die Ambivalenz zwischen der Sehnsucht nach Einsamkeit und dem Wunsch nach Zugehörigkeit kennzeichnen das literarische Werk Paveses und lassen es heute wieder aktueller denn je erscheinen. Anguilla, die Hauptfigur des Romans Der Mond und die Feuer, kehrt nach Jahren in seinen Heimatort zurück. Von seinen Erinnerungen geführt, sucht er nach seiner Herkunft und muss enttäuscht feststellen, dass nichts mehr so ist wie es einmal war.

BIBLIOGRAPHIE:

„Der Mond und die Feuer“, Neuübersetzung von Maja Pflug, Rotpunktverlag. 2016, ISBN: 978-3-85869-715-8, 24,00 Euro.
„Das Handwerk des Lebens. Tagebuch 1935-50“, übersetzt von Maja Pflug, Claassen Verlag. 2001, ISBN: 978-3546002233, 24,99 Euro.
Maike Albath: „Der Geist von Turin“, Berenberg Verlag: Berlin, 2013; ISBN 978-3-9378-3437-5 / 19,00 Euro.
„Die Nacht von San Rocco: Sämtliche Erzählungen in zwei Bänden – Band 1“, Claassen Verlag. 1992, ISBN: 978-3546000093, 18 Euro.
„Die Wiese der Toten: Sämtliche Erzählungen in zwei Bänden – Band 2“, Claassen Verlag. 1992, ISBN: 978-3546000109, 18,00 Euro.
„Gespräche mit Leuko“, Claassen. 1989, ISBN: 978-3546474085, 30 Euro.„Die einsamen Frauen“, Claassen. 2008, ISBN: 978-3546004381. Vergriffen.
„Der schöne Sommer“, Fischer. Frankfurt a.M., 1994, ISBN: 978-3596258994.Vergriffen.
„Die Selbstmörder: Erzählungen“, Fischer. Frankfurt a.M., 1993, ISBN: 978-3596253487. Vergriffen.
„Hunger nach Einsamkeit. Sämtliche Gedichte“, Fischer. Frankfurt a.M., 1991, ISBN: 978-3596105526. Vergriffen.
„Der Teufel auf den Hügeln“, Fischer. Frankfurt a.M., 1991, ISBN: 978-3596259656. Vergriffen.
„Nacktheit. Sämtliche Erzählungen“, Claassen. 1989, ISBN: 978-3546473996. Vergriffen.
„Der böse Blick: Erzählungen“, Fischer. Frankfurt a.M., 1998, ISBN: 978-3596253470. Vergriffen.
„Unter Bauern“, Fischer. Frankfurt a.M., 1988, ISBN: 978-3596253043. Vergriffen.
„Der Genosse“, Fischer. Frankfurt a.M., 1988, ISBN: 978-3596253029. Vergriffen.
„Andere Tage andere Spiele: Episodenroman“, übersetzt von Susanne Hurni, Claassen. 1975, ISBN: 978-3546473927. Vergriffen.

Roger Willemsen

© Poetische Quellen

(1955 – 2016)

Dreimal war Roger Willemsen zu Gast bei den „Poetischen Quellen“: In den Jahren 2003, 2008 und zum 10jährigen Jubiläum 2011, wo er eine leidenschaftliche Rede an die Freiheit hielt. Geboren 1955 in Bonn, wurde er einem großen Publikum vor allem durch seine Fernsehsendung Willemsens Woche bekannt. Er arbeitete als Nachtwächter, Dozent, Übersetzer, Moderator, Regisseur, Fernsehproduzent, war Kabarettist und Kurator und lebte seine Schirmherrschaft für den Afghanischen Frauenverein. Vor allem war er aber ein Reisender und ein Autor. Wenige Menschen haben dem Begriff Freundschaft eine so tiefe Bedeutung beigemessen. Sein aufrichtiges Interesse an Menschen, die ihm begegneten und denen er begegnete, war grenzenlos. Er bereicherte seine Umgebung allein dadurch, dass er sich ihr überall mit wissbegieriger Neugier öffnete. Roger Willemsen starb am 7. Februar 2016. Jeder, der ihn kannte, sah, hörte, las und erlebte, wird ihn nicht vergessen.

BIBLIOGRAPHIE (AUSWAHL):

„Wer wir waren. Zukunftsrede“ (postum; Hrsg.: Insa Wilke), S. Fischer Verlag: Frankfurt am Main, 2016. ISBN 978-3-10-397285-6, 12,00 Euro.
„Das Hohe Haus: Ein Jahr im Parlament“, S. Fischer Verlag: Frankfurt am Main, 2014. ISBN 978-3-10-092109-3, 19,99 Euro.
„Es war einmal oder nicht. Afghanische Kinder und ihre Welt“, S. Fischer Verlag: Frankfurt am Main, 2013. ISBN 978-3-10-092108-6, 19,99 Euro.
„Momentum“, S. Fischer Verlag: Frankfurt am Main, 2012. ISBN 978-3-10-092107-9, 21,99 Euro.„Die Enden der Welt“, S. Fischer Verlag: Frankfurt am Main, 2010. ISBN 978-3-10-092104-8, 22,95 Euro.
Mercè Rodoreda: „Der Garten über dem Meer“, Nachwort: Roger Willemsen. Mare Buchverlag: Hamburg, 2016. 240 Seiten, gebunden im Schuber. ISBN 978-3-86648-033-9; 26,00 Euro
William Lithgow: Die wundersamen Irrfahrten des William Lithgow“, Hg.: Roger Willemsen. Mare Buchverlag: Hamburg, 2009. 385 Seiten, gebunden. ISBN 978-3-86648-112-1; 24,00 Euro.
Mit Ralf Tooten (Fotos): Bangkok Noir. S. Fischer Verlag: Frankfurt am Main, 2009. ISBN 978-3-10-092106-2, 26,95 Euro.
„Der Knacks“, S. Fischer Verlag: Frankfurt am Main, 2008. ISBN 978-3-10-092105-5, 18,90 Euro.
„Vages Erinnern – Präzises Vergessen“, S. Fischer Verlag: Frankfurt am Main, 2008. ISBN 978-3-596-17680-9, 9,95 Euro.
Mit Traudl Bünger und Dieter Hildebrandt: „Ich gebe Ihnen mein Ehrenwort! Eine Weltgeschichte der Lüge“, S. Fischer Verlag: Frankfurt am Main, 2007. ISBN 978-3-10-030140-6, 17,90 Euro.
„Afghanische Reise“, S. Fischer Verlag: Frankfurt am Main, 2006. ISBN 3-10-092103-8, 16,90 Euro.„Unverkäufliche Muster“, S. Fischer Verlag: Frankfurt am Main, 2005. ISBN 3-596-16733-7, 9,90 Euro.
„Kleine Lichter“, S. Fischer Verlag: Frankfurt am Main, 2005. ISBN 3-10-092102-X, 17,90 Euro.„Gute Tage“, S. Fischer Verlag: Frankfurt am Main, 2004. ISBN 3-10-092100-3, 19,90 Euro.

Julia Westlake

© Katja Zimmermann

Moderatorin
Die Fernsehmoderatorin Julia Westlake, geboren 1971 in Bad Segeberg, studierte Germanistik und Politikwissenschaften in Hannover. Seit 1992 arbeitet sie für Funk und Fernsehen. Viele Jahre moderierte sie gemeinsam mit Jörg Pilawa die legendäre NDR Talkshow. Seit Mitte 2007 übernahm sie das NDR-Magazin Kulturjournal, seit Mai 2011 ist sie außerdem Moderatorin des Bücherjournals im NDR-Fernsehen, in dem sie über wichtige literarische Neuerscheinungen berichtet. Zusammen mit Roger Willemsen war sie Mitglied im Rateteam der Sendung Ich trage einen großen Namen, die im Fernsehen des SWR und des HR ausgestrahlt wird. 2011 moderierte Julia Westlake den Festabend der „Poetischen Quellen“ zum damaligen 10jährigen Jubiläum. Auf die Frage, wer sie zu den Poetischen Quellen“ gebracht habe, sagte sie damals im Gespräch mit der Neuen Westfälischen: „Wenn ich es richtig verstanden habe, hat mich Roger Willemsen empfohlen. Die Veranstalter suchten jemand neues und fragten ihn. Er schätzt die Veranstaltung sehr.“

Rolf Becker

© Klaus Bodig

(Schauspieler und Sprecher)

Mit seiner sonoren Stimme und den strahlend blauen Augen gehört er zu den bekanntesten deutschen Schauspielern und Synchronsprechern: Rolf Becker, in Leipzig geboren, wächst ab Kriegsbeginn 1939 auf dem Bauernhof seiner Großeltern im schleswig-holsteinischen Osterstedt auf. Die entbehrungsreiche Zeit des Zweiten Weltkrieges wird für ihn zu einer lebensbestimmenden Erfahrung: „Ich bin Jahrgang 1935, habe die Kriegs- und Nachkriegsgeschichte in Erinnerung und habe eigentlich mein Leben darauf ausgerichtet zu verhindern, dass sich wiederholen kann, was ich als Kind miterlebt habe, aber damals noch nicht reflektieren konnte“, sagt Becker. Nach dem Abitur geht er Mitte der 50er-Jahre nach München und verdient sich als Bühnentechniker seine Schauspielerausbildung, die er an der renommierten Otto-Falckenberg-Schule absolviert. Der Schauspielunterricht ist für ihn ein „Ausweichen vor der Wirklichkeit, mit der ich schwer zu Rande kam“, womit er auch hier die Kriegs- und Nachkriegsjahre meint. Nach mehreren Theaterstationen kommt er 1971 ans Deutsche Schauspielhaus in Hamburg, wo er seitdem lebt. Durch sein Engagement hier und später am Thalia Theater avanciert Becker schnell zu einem der gefragtesten Theaterschauspieler und feiert bald auch Erfolge im Fernsehen und beim Film. Er spielt unter so bekannten Regisseuren wie Edgar Reitz, Peter Zadek und Volker von Schlöndorff (z.B. in Die verlorene Ehre der Katharina Blum). In den bekannten historischen Fernsehmehrteilern der 70er- und 80-Jahre verkörpert er Friedrich den Großen in Die merkwürdige Lebensgeschichte des Friedrich Freiherrn von der Trenck oder den Oberst Piccolomini in der Wallenstein-Verfilmung mit Rolf Boysen. Immer wieder hatte er seitdem Gastauftritte in deutschen Fernsehserien wie Tatort, Wolffs Revier, Großstadtrevier oder Küstenwache. Seit 2006 spielt er in der ARD-Serie In aller Freundschaft den gutmütigen Rentner Otto Stein. Daneben arbeitet er immer wieder alleine oder mit anderen Künstlern als Sprecher und Vorleser. Zusammen mit der sizilianischen Sängerin Etta Scollo liest er im Wechsel mit Joachim Król bei Aufritten ihres Programmes Parlami d`amore Liebesgeschichten italienischer Autoren.
Unermüdlich ist Rolf Becker auch politisch und sozial engagiert. Als Gewerkschaftsmitglied demonstrierte er in den 90er-Jahren gegen die NATO-Angriffe in Ex-Jugoslawien. Im vergangenen Jahr forderte er zur Solidarität mit den Griechen auf. Er unterstützt den Kampf der Kurden gegen Vertreibung und Vernichtung und setzt sich für die Lampedusa-Flüchtlinge in Hamburg ein.

„Kein Mensch ist nur gut. Und kein Mensch ist nur böse. Sondern jeder Mensch hat beide Seiten in sich – das war das Rollenfeld, was mich am meisten interessiert hat.“ [Rolf Becker]

Jürgen Keimer

© Poetische Quellen

Moderator des 16. Internationalen Literaturfestes „Poetische Quellen 2017“

Jürgen Keimer, 1943 in Kleve geboren, studierte von 1962 bis 1966 Katholische Theologie in Paderborn, Tübingen, Bonn und am Pariser Institut Catholique. Nach der Ausbildung und einer zweijährigen Arbeit als Kaplan im kirchlichen Dienst des Bistums Essen ging Keimer zurück an die Universität, um Geschichte und Kunstgeschichte in Köln zu studieren. Von 1974 an arbeitete er als freier Journalist bei der Deutschen Welle, beim ZDF und beim WDR. 1977 wurde er festangestellter Redakteur beim WDR-Hörfunk. Bis März 2005 war er Leiter der Redaktionsgruppe „Aktuelle Kultur“ beim Sender WDR 5. Zu seinem Aufgabengebiet gehörte die Sendereihe Scala – Das Kulturmagazin. Im Wechsel mit anderen Redakteuren moderierte er zudem die Tischgespräche und die Veranstaltungsreihe Funkhausgespräche. Bei den Gesprächsrunden war ihm wichtig, „dass sich die Stimmen ergänzen konnten – ich wollte nicht das konfrontative Gespräch. Es ging mir in erster Linie darum, ein Thema gemeinsam plastisch zu machen, anstatt Positionen gegenüber zu stellen.“
Frei sein, Dinge neu denken und das Publikum aus ausgetretenen Pfaden herausführen, das gilt nicht nur für die Kunst, findet Keimer, „davon muss auch ein Kulturprogramm etwas haben.“ Seit Beginn des Internationalen Literaturfestes im Jahr 2002 ist Jürgen Keimer Moderator der Poetischen Quellen und führt das Publikum sicher von Autor zu Autor und von Gesprächsrunde zu Gesprächsrunde, darauf bedacht, neue Gedanken anregen zu können und auf interessante Geschichten und Themen aufmerksam zu machen. „Der Park, die nicht literaturtypische Umgebung macht viel aus. Ich erinnere mich an Samstag- und Sonntagnachmittage, wenn die Leute auf der Naturbühne sitzen: Das ist dann für viele mehr wie ein Ausflug und hat gar nicht die Schwere eines Bildungserlebnisses. Das hat etwas Heiteres. Ganz sicher spielt es auch eine Rolle, dass die Besucher aus Ostwestfalen so viele unterschiedliche Autoren ja nicht allzu oft an einem Ort antreffen können“, beschreibt Keimer die Atmosphäre.
Jürgen Keimer ist die „Stimme“ der Poetischen Quellen.

„… als wäre Jürgen Keimer in die Poetischen Quellen hineingeboren. Zumindest aber muss er sein halbes Leben auf dieses Literaturfest gewartet haben – so sehr verschmilzt seine alljährliche Moderation mit der Umgebung, mit Autoren und Publikum. Kritik vernimmt man über ihn nicht. Im Gegenteil reichen die Beschreibungen seiner Moderation von bedacht und ausgeglichen über pointiert und scharfsinnig bis hin zu einfühlsam und sogar anregend - zumindest zum Nachdenken. Und so ist es kein Wunder, dass Jürgen Keimer am Ende der Poetischen Quellen in schöner Regelmäßigkeit den größten Applaus einheimst. Als gar nicht mehr so heimlicher Star des Festivals.“
[Felix Eisele, Neue Westfälische]

Den längsten Applaus gab`s ganz am Ende. (…) Und zwar für Jürgen Keimer und seine Marathon-Moderation während der vergangenen vier Tage. (..) Die Welt ist zu Gast in Bad Oeynhausen. Wie ein ruhiger Ozeandampfer steuert Moderator Jürgen Keimer das Publikum souverän und sicher durch Wogen, Wellen und Schaumkronen der Weltliteratur. [Elke Niedringhaus-Haasper, Neue Westfälische]