Der Auftakt

Mittwoch, 23. August 2017

Einlass: 19.00 Uhr / Beginn: 19.30 Uhr
Ort: Werretalhalle Löhne, Alte Bünder Straße 14, D-32584 Löhne

„Alle Länder gebe ich für Sarajevo hin“
- Porträt einer vielstimmigen Stadt -

Eine musikalisch-literarische Sonderveranstaltung zum Beginn der kulturellen Partnerschaft zwischen den „Sarajevoer Poesietagen“ und den „Poetischen Quellen“.

„Will man verstehen, was Europa war und sein könnte, muss man diese Schicksalsstadt auf dem Balkan besuchen, von der so viel Unheil ausging, die so viel Leid erfahren hat. (…) Sarajevo schaut gleichzeitig nach Istanbul und Mekka, nach Moskau, Athen, Belgrad, Wien und Rom. Das macht ihren Reichtum aus. Im Umkreis weniger Hundert Meter findet man eine römisch-katholische und eine serbisch-orthodoxe Kathedrale, viele Moscheen, eine sephardische und eine aschkenasische Synagoge. Wegen der Vielfalt der Religionen hat man die Stadt auch „das europäische Jerusalem“ genannt.“ [Alan Posener, Die Welt]

Mit
der Weltmusikgruppe DIVANHANA aus Sarajevo
und dem Schriftsteller Dževad Karahasan
Sprecherin: Mareike Greb
Moderation: Jürgen Keimer

Divanhana

© Aida Redžepagic

Weltmusikgruppe aus Sarajevo

Was für Portugal der Fado, ist für Bosnien-Herzegowina der Sevdah oder auch „Sevdalinka“ genannt: musikalisches Kulturerbe voller Melancholie, Liebe, Leidenschaft, Leiden und Sehnsucht. Die aus Sarajevo stammende Gruppe Divanhana um Sängerin Naida hat sich dieser Musik verschrieben und verwebt sie gekonnt mit zeitgenössischen Arrangements aus Jazz, Klassik und Pop.
Mit ihren „Sevdalinka“ fügt Divanhana so dem Porträt einer vielstimmigen Stadt einen traditionellen musikalischen Schatz mit großer emotionaler Kraft in seiner vollen Schönheit und Vielfältigkeit hinzu.
Die Band, die sich im Jahr 2009 aus einer Gruppe junger Studenten von der Sarajevoer Musikakademie gegründet hat, hat mit ihren faszinierenden Neuinterpretationen schon in den renommiertesten Konzertsälen und auf den größten Festivalbühnen in ganz Europa gespielt. 2012 wurde Divanhana zu einem Auftritt auf der Weltmusikmesse „Womex“ in Thessaloniki eingeladen, und war im selben Jahr zum namhaften „12 Points“-Jazz-Festival in Porto zu Gast. In ihrer Heimat zählen Divanhana als die „Meister der Sevdalinka“ – und das zu Recht!

Divanhana sind:

Naida Čatić
– Gesang
Neven Tunjić – Klavier
Nedžad Mušović – Akkordeon
Azur Imamović – Bassgitarre
Rifet Čamdžić – Schlagzeug
Irfan Tahirović - Percussions

DISCOGRAPHY (AUSWAHL):
Zukva: Sevdah From Bosnia's Finest; CD / Label: ARC / Bestellnummer: 8477837 / Erscheinungstermin: 05.02.2016; 17,99 Euro.

Dževad Karahasan

© faktor.ba

Schriftsteller
und Präsident des bosnisch-herzegowinischen Schriftstellerverbands
Bücher u.a.: Der Trost des Nachthimmels [2016], Die Schatten der Städte [2010], Tagebuch der Aussiedlung [1993]

„Seit ich erzähle, bewusst erzähle, versuche ich, Sarajevo zu erzählen“, sagte Dževad Karahasan 2012 gegenüber der Deutschen Welle. Kurz zuvor erhielt er die Goethe-Medaille, einen Preis der Menschen ehrt, die sich vor allem um den Kulturaustausch verdient gemacht haben. Karahasan, der dieser Auszeichnung mehr als würdig ist, sieht sich eigentlich nicht als Brückenbauer: „Für mich ist es vollkommen normal, dass die Menschen, eben weil sie mit Geist beschenkt wurden – oder durch den Geist verflucht worden sind – in mehreren Kulturen leben und sich ihrer Identität als ein fließendes Phänomen bewusst sind“, sagt er.
So ist es nicht nur Karahasan, der Sarajevo erzählt, sondern es ist auch die Stadt Sarajevo, die Karahasan erzählt. Denn einerseits ist diese Stadt wie ein Buch, indem Sie die Zeit in ihren Straßen, Plätzen, Denkmälern, Gebäuden, Museen, Kirchen, Restaurants, Geschäften, Bahnhöfen und Parks in sich speichert. Andererseits ist Karahasan der Mensch, den die Stadt in ihren Straßenzügen, Café`s, Häusern, Parks, auf ihren Bahnhöfen und Friedhöfen in sich aufnimmt, damit er von ihrem Wesen und ihrer Identität erzählen kann. Beides bildet sich aus dem Nebeneinander, Miteinander und Gegeneinander der verschiedenen Architekturen, Menschen, Konfessionen, Ethnien, Sprachen immer wieder neu heraus und stellt in ihrer kulturellen Mehrstimmigkeit für Karahasan eine idealtypische Metapher der Welt dar. Zuerst wäre es aber schon viel wert, wenn die Stadt als mögliche Vorstellung für ein zukünftiges Europa stünde. Wie das funktionieren könnte, kann man in den Büchern Karahasans lesen: Alles beginnt mit einem Gespräch zwischen Menschen, die sich nicht gleichgültig gegenüber stehen und die erfahren haben, dass die fremde Identität eine Bedingung für das Verstehen und Artikulieren der eigenen Identität ist.
Karahasan wurde 1953 in Duvno im heutigen Bosnien-Herzegowina als Sohn einer Muslimin und eines Kommunisten geboren. Obwohl muslimischen Glaubens, besuchte er eine Franziskanerschule und wurde in den klassischen Sprachen, Philosophie und Theologie unterwiesen. Anschließend studierte er Literatur- und Theaterwissenschaften in Sarajevo. 1993 floh er gemeinsam mit seiner Frau aus der belagerten und umkämpften Stadt. Mit zahlreichen Literaturpreisen ausgezeichnet, gehört Karahasan zu den bedeutendsten europäischen Gegenwartsautoren. Neben seiner Arbeit als Schriftsteller ist er Präsident des bosnisch-herzegowinischen Schriftstellerverbandes. Er lebt in Sarajevo und in Graz.

„Wer den bosnischen Schriftsteller Dževad Karahasan jemals erlebt hat, kennt den philosophischen Überschuss, der seiner Rede innewohnt. (…) Die zahllosen Schätze, die er mit didaktischem Charme, theatralischer Verve und luzidem Humor ausbreitet, erzeugen im Zuhörer einen Taumel.“ [Andreas Breitenstein, Neue Zürcher Zeitung]

Mareike Greb

© Frieder Krenzlin

Sprecherin eines Textausschnitts von Dragana Tomašević, „Briefe nach Sarajevo“

Mareike Greb wurde 1981 in Saarbrücken geboren. Mit 16 Jahren begann sie, sich nach einer Ballettausbildung am Theater der historischen Tanzkunst und Aufführungspraxis zu widmen. An der Universität in Leipzig studierte sie Theaterwissenschaften, Musikwissenschaften, Allgemeine und Vergleichende Literaturwissenschaften. Sie lebt in Leipzig, wo sie als freie Tänzerin, Musikerin, Schauspielerin und Sprecherin für Hörbücher, Hörspiele, Features und Essays arbeitet. 2012 gründete sie zusammen mit Thomas Streipert das WerkEnsembL.E., ein freies Schauspielensemble mit kleiner eigener Spielstätte.

Für die Unterstützung am Zustandekommen der Sonderveranstaltung und bei der Unterstützung der Partnerschaft zwischen den „Poetischen Quellen 2017“ und den „Sarajevoer Poesietagen“, bedanken wir uns freundlichst bei folgenden Einrichtungen, Unternehmen und Vereinen:

TRADUKI – Europäisches Netzwerk für Literatur und Bücher // Westfalica GmbH, Bad Oeynhausen // Immobilien-Service Falco Buller KG, Bad Oeynhausen // Podufal-Wiehofsky Generalplanung, Löhne // Rotary Club Bad Oeynhausen-Minden // Literarischer Verein e.V. Minden // Förderverein Aqua Magica Bad Oeynhausen & Löhne e.V. // Provinzial Versicherungen Stürmer, Löhne // AGORA – Gesellschaft für Literatur, Kunst und Kultur e.V. sowie bei weiteren Sponsoren, die namentlich nicht aufgeführt werden möchten.

Ein großer Dank gilt auch dem Kulturbüro der Stadt Löhne für die enge Kooperation bei dieser Sonderveranstaltung!

Bücher zum Motto der Auftaktveranstaltung: Sarajevo

Dragana Tomašević „Briefe nach Sarajevo“. Essays. Droschl, 1995, ISBN: 978-3-8542-0403-9; 11,50 Euro.
Ingo Starz, Senad Halilbasic (Hgg.): „Bibliothek Sarajevo: Literatische Vermessung einer Stadt“, Drava. 2012, ISBN: 978-3854356820, 25,99 Euro.
Heide Hahn / Anita Hahn (Hg.), „TransAlpin – Sarajevo-Zürich: Unlimited“, Folio Verlag: Bozen-Wien, 2017; gebunden; 128 Seiten; ISBN 978-3-85256-735-8 / 24,00 Euro.
Andrea Zink (Hg.): „Europa Erlesen Sarajevo“, Wieser Verlag. 2016, ISBN: 978-3-99029-188-7, 14,95 Euro.
Holm Sundhaussen: „Sarajevo. Die Geschichte einer Stadt“, Böhlau Verlag. Wien, 2014, ISBN: 978-3-205-79517-9, 34,90 Euro.
Erich Rathfelder: „Schnittpunkt Sarajevo“, Verlag Hans Schiler. 2007, ISBN: 9783899301083, 19,90 Euro.
Marko Plesnik: „Sarajevo. Mit Ilidza, Butmir, Rakitnica-Schlucht und den Wintersportgebieten“, Trescher Verlag. Berlin, 2016, ISBN: 978-3-89794-364-3, 14,95 Euro. (Reiseführer)