Die Sonderveranstaltung

Mittwoch, 24. August 2016

Etel Adnan, Untitled 1990, crayon pencil watercolor on paper, 240x312mm

15 Jahre Poetische Quellen - Die Sonderveranstaltung

Mittwoch, 24. August 2016 / Einlas: 19.00 Uhr / Beginn: 19.30 Uhr
Ort: Auferstehungskirche am Kurpark, 32545 Bad Oeynhausen
Dauer der Ausstellung: 24. 08. – 02. 10. 2016; täglich 9.00 Uhr – 18.00 Uhr

Musikalisch begleitete Lesung + Ausstellungseröffnung + Deutschlandweite Buchpremiere
Mit:
Corinna Harfouch, Johannes Gwisdeck, Klaudia Ruschkowski, Hanna Mittelstädt
und Etel Adnan (sofern ihre Gesundheit dies ermöglicht!)

ZUR AUSSTELLUNG:

Etel Adnan, Freedom of People, Freedom of Animals, Freedom of Plants, Freedom of Nature / Leporello 31, 24 pages, 17,8x11,3cm

Etel Adnan - Bilder Schreiben

„Etel Adnan ist für mich die Frau, von der ich mir
von allen Menschen am liebsten die Welt erklären lasse.
Ich verehre sie, ich glaube ihr jedes Wort.“
Corinna Harfouch

„In China zeichnete Rick Barton einmal eine Chrysantheme, als ein Kind mit seinem Vater vorüberging und sagte ‚Schau mal, schau, der Mann schreibt eine Blume.‘ Dies löste einen neuen Gedanken aus – dass schreiben mit der Hand zeichnen und umgekehrt zeichnen Handschrift sein kann. Das Kind schlug die Brücke: Es handelt sich um dieselben Dinge.“ Diese Geschichte von ihrem Bekannten, dem Zeichner Rick Barton, erzählt Etel Adnan immer wieder, wenn sie gefragt wird, was das Malen und was das Schreiben ihr bedeutet.

Etel Adnan, Untitled 1990, crayon pencil watercolor on paper, 240x312mmDie libanesische Schriftstellerin Etel Adnan begann ab den sechziger Jahren, sich parallel zum Schreiben auch bildnerisch auszudrücken, zu zeichnen und zu malen. Eine Befreiung, wie sie fand. Sie zählte zu einem Kreis von Künstlern, die sich regelmäßig im kalifornischen Mill Valley trafen, um zu malen, über Malerei nachzudenken und sich mit dem Vorgang des Sehens zu beschäftigen. „Malerei und Wahrnehmung befanden sich in einem unverbrüchlichen Miteinander“, beschreibt Etel Adnan diese Zeit. In den USA wurde ihr ihre arabische Herkunft und die Situation in den arabischen Ländern bewusst, ihr Schreiben nahm andere Formen an; parallel dazu begann sie, arabische Schriftzeichen vor allem in Aquarelle und Zeichnungen einzufügen. Hinzu traten griechische Buchstaben: die Schrift und Sprache ihrer Mutter. Auf diese Weise nahm sie Kontakt zu ihren Wurzeln auf. Neben Leinwand und Papier wurden die Makimonos, lange ausfaltbare Bücher, zu einem wunderbaren Medium ihres bildnerischen Schreibens. Sie atmen wie ihre Zeichnungen und Aquarelle, wie diese lassen sie den Grund durchscheinen, sind eng mit ihrer Dichtung verbunden, gehen ihr voraus oder führen sie weiter.

Die Ausstellung Bilder Schreiben, die vom 24. August bis zum 2. Oktober 2016 in der Auferstehungskirche in Bad Oeynhausen zu sehen ist, umfasst neben Makimonos von 2011/12 den 1990 entstandenen Zyklus „Album à Dessin“, ein bildnerisches Nachdenken über kosmische Ereignisse in einem „Raum der Erinnerung“, des Schreckens und der Sehnsucht. „Jedes Mal, wenn ich einen Kreis zeichne“, schreibt Etel Adnan, „zeichne ich Erde, Mond und Sonne.“ In den Kreisen kann der Betrachter Punkte entdecken und in den Punkten Universen.

Etel Adnan, Freedom of People, Freedom of Animals, Freedom of Plants, Freedom of Nature /
Leporello 31, 24 pages, 17,8x11,3cm

Gezeigt werden ebenfalls die bislang nur in New York ausgestellten Manuskripte des gewaltigen, 1980 entstandenen Gedichtzyklus Arabische Apokalypse, mit dem Etel Adnan ein universelles Werk geschaffen hat. Zwischen die Wörter fügt sie Zeichen und Zeichnungen ein, rhythmische Elemente durchdringen die Textstruktur. Dadurch intensivieren sich die Gedanken, halten ein, greifen Raum, öffnen sich in andere Sphären, verweisen auf Vergangenheit, führen in die Zukunft.

Ob Schreiben oder Malen – Etel Adnan bewegt sich in beidem, fühlt sich der Kunst, wie sie sagt, ebenso verbunden wie der Dichtung: „Ich mache keinen Unterschied. Es ist nicht nötig, sich zu entscheiden: Bin ich eher dies oder das. Das Wesentliche ist, was du tust, und dass es die Menschen erreicht, dass es Bedeutung hat.“ Und: „Mir scheint, dass ich schreibe, was ich sehe, male, was ich bin.“

Etel Adnan

Etel Adnan in ihrer Wohnung in Paris

Schriftstellerin und Künstlerin

Etel Adnan wurde 1925 in Beirut geboren. Ihre Mutter war eine christliche Griechin aus Smyrna, ihr Vater ein muslimischer Syrer aus Damaskus. Sie besuchte französische Schulen in Beirut, begann 1949 das Studium der Philosophie an der Pariser Sorbonne, welches sie 1955 in Berkeley und Harvard in den USA fortsetzte. Von 1958 bis 1972 unterrichtete sie Geisteswissenschaften und Philosophie im kalifornischen San Rafael. Dann kehrte sie nach Beirut zurück und arbeitete als Feuilletonredakteurin bei der Zeitung Al-Safa. Zwei Jahre nach Ausbruch des libanesischen Bürgerkriegs zog sie 1976 nach Paris und ging 1979 wieder nach Kalifornien. Etel Adnan galt schon lange als Grande Dame der arabischen Literatur als sie im Alter von 87 Jahren im Jahr 2012 zur dOCUMENTA(13) nach Kassel eingeladen wurde, die sie quasi über Nacht auch als eine der interessantesten zeitgenössischen Malerinnen und die vielleicht interessanteste (weil so gut wie einzige) arabische Malerin des letzten Jahrhunderts bekanntmachte. Sie lebt heute in Paris und gehört neben dem syrisch-libanesischen Dichter Adonis, der algerischen Schriftstellerin Assia Djebar und dem marokkanisch-französischen Schriftsteller Tahar Ben Jelloun zu den wichtigsten Stimmen bei der Standortbestimmung in der arabischen Welt zwischen Tradition und Moderne, Unterdrückung und Freiheitsstreben.

Der Dank für die Leihgaben gilt der Sfeir-Semler Gallery, Beirut / Hamburg.

Zur Ausstellung erscheint ein Katalog, der durch die freundliche Unterstützung der Kunststiftung NRW in Düsseldorf und der Stiftung der Sparkasse Herford ermöglicht wurde.

Für die Unterstützung am Zustandekommen der Ausstellung „Bilder Schreiben“, die im Rahmen des 15. Internationalen Literaturfestes „Poetische Quellen 2016“ eröffnet wurde und vom 24. August bis zum 2. Oktober 2016 in der Ev. Auferstehungskirche Bad Oeynhausen-Altstadt/NRW zu sehen ist, bedanken wir uns freundlichst bei folgenden Unternehmen, Vereinen und Privatpersonen:

Westfalica GmbH, Bad Oeynhausen // Immobilien-Service Falco Buller KG, Bad Oeynhausen // Podufal-Wiehofsky Generalplanung, Löhne // Friederike Körfer // Rotary Club Bad Oeynhausen-Minden // Literarischer Verein e.V. Minden // Förderverein Aqua Magica Bad Oeynhausen & Löhne e.V. // Provinzial Versicherungen Stürmer, Löhne // Jutta Haneberg und Lutz Wendelken // Annelene Schulte und Hans-Jürgen Klemm // Dr. Daniela Mirow und Dr. Nikolas Mirow sowie weitere Sponsoren, die namentlich nicht aufgeführt werden möchten.

Ein weiterer Dank gilt der Ev. Kirchengemeinde Bad Oeynhausen-Altstadt für die enge Kooperation bei der Ausstellung.

ZUR LESUNG:

Die Schauspielerin Corinna Harfouch und ihr Sohn, der Tonkünstler Johannes Gwisdeck

Etel Adnan – Arabische Apokalypse

„Und ich leide unter dem, was in der Welt vor sich geht,
doch dann liebe ich auch das Leben und die Welt. (…)
Selbst wenn Dinge schlecht sind, müssen wir glücklich bleiben.“
Etel Adnan

Die Schauspielerin Corinna Harfouch und ihr Sohn, der Tonkünstler Johannes Gwisdeck
Die Schauspielerin Corinna Harfouch liest den Text „Arabische Apokalypse“ von Etel Adnan. Zusammen mit ihrem Sohn, dem Tonkünstler Hannes Gwisdek, der den Abend musikalisch begleiten wird, hat sie diesen Text als eindrucksvolle Performance choreographiert. Was Etel Adnan mit Worten schafft, vermag Corinna Harfouch mit ihrer Stimme und ihrem schauspielerischem Reichtum umzusetzen.

In dem aus 59 Gedichten bestehenden Gedichtzyklus Arabische Apokalypse beschwört Etel Adnan mit lakonischem Aberwitz das Bild einer aus den Fugen geratenen Welt, in das sich Leid, Verzweiflung aber auch das staunende Entsetzen der Dichterin darüber einreihen, was der Mensch dem Menschen antun kann. Als Gegenpol dazu und als einzige kosmische Konstante sieht Etel Adnan die Sonne, die zugleich sowohl Herrscherin über Weisheit und Leben als auch Zeugin und Zerstörerin sein kann. So tritt die Sonne in diesem Zyklus immer wieder als unbestechliche Richterin und moralische Instanz in der Beurteilung des Wahnsinns der Völker auf.

In dem aus 59 Gedichten bestehenden Gedichtzyklus Arabische Apokalypse entwirft Etel Adnan mit lakonischem Aberwitz Bilder einer aus den Fugen geratenen Welt, versucht Worte dafür zu finden, was der Mensch dem Menschen antun kann. Etel Adnans Arabische Apokalypse wird von der Sonne beherrscht: einer Sonne, die versengt, die gefrieren lässt, die nicht scheint, sondern gleist, nicht beleuchtet, sondern zerreißt. Das griechische ἀποκάλυψις bedeutet „Enthüllung“. Die Sonne enthüllt, was auf dem Planeten geschieht, der durch sie existiert, dessen Gegenüber sie ist. Sie bringt es an den Tag, zieht außerhalb ihre Bahn, wird in Mitleidenschaft gezogen: Täter – Opfer – göttlich-universales Element zugleich. Die Sonne als zentrales Element einer apokalyptischen Vision, die das Kommende aus dem Vergangenen und das Vergangene vom Zukünftigen her ins Licht setzt.

„Selten hat mich eine Schriftstellerin so tief berührt. Ihre Texte öffnen innere Räume, von denen man gar nicht wusste, dass sie existieren“, sagt Corinna Harfouch über Etel Adnan.

Corinna Harfouch
wurde 1954 in Suhl geboren. Sie zählt zu den bekanntesten und wichtigsten deutschen Theater- und Fernsehschauspielerinnen. Harfouch studierte von 1978 bis 1981 Schauspiel an der Hochschule für Schauspielkunst Ernst Busch in Berlin. Einer ihrer größten Theatererfolge in DDR-Zeiten war die Lady Macbeth unter der Regie von Heiner Müller an der Volksbühne Berlin. Nach der Wende 1989 war sie zunächst am Deutschen Theater in Berlin, wechselte aber schnell zur Volksbühne, wo sie eine der wichtigsten Protagonistinnen des Intendanten Frank Castorf wurde. Neben zahlreichen Auszeichnungen erhielt sie 2015 u.a. dem Grimme-Preis sowie den Deutschen Schauspielerpreis als beste Schauspielerin für ihre Hauptrolle in Der Fall Bruckner.
Johannes Gwisdek, Musiker, Tonkünstler und Musikproduzent, betreibt seit 2009 zusammen mit seinem jüngeren Bruder Robert das Hip-Hop-Projekt Shaban feat. Käptn Peng. Im März 2012 veröffentlichte das Duo sein erstes Album Die Zähmung der Hydra auf dem eigenen Label Kreismusik. Im April 2013 erschien mit Expedition ins O das erste Album der Alternative-Hip-Hop-Band Käptn Peng & Die Tentakel von Delphi. Darüber hinaus schreibt Gwisdeck Film- und Theatermusiken.

2012 veröffentlichte das Duo sein erstes Album Die Zähmung der Hydra auf dem eigenen Label Kreismusik. Im April 2013 erschien mit Expedition ins O das erste Album der Alternative-Hip-Hop-Band Käptn Peng & Die Tentakel von Delphi. Darüber hinaus schreibt Gwisdeck Film- und Theatermusiken.

ZUR DEUTSCHLANDWEITEN BUCHPREMIERE:

Etel Adnan – Nacht

„Wir leben bei Tag, und mein Gefühl ist, dass wir das Mysterium der Nacht verloren haben.
Vielleicht wäre die Menschheit anders, wenn wir mehr bei Nacht gelebt hätten als bei Tag.“
Etel Adnan

Im dritten Teil des Abends wird in einer Gesprächsrunde das Werk und – erstmals in Deutschland – vor allem das neue Buch Nacht von Etel Adnan vorgestellt. Es versammelt ihre jüngsten Texte: Das Poem Nacht, den Prosatext Vorahnung und das Gedicht Gespräche mit meiner Seele II.
Besteht Nacht aus Gedankensplittern, philosophischen Überlegungen und mitunter scharfen Blicken auf die Welt, so kommt Vorahnung fast wie ein Blues daher, ein seltsam langsamer Rap. Etel Adnan wirft durch die Kombination von Vorahnung und Nacht einen Schlagschatten auf ihre eigene Gegenwart, zuweilen mit Heftigkeit. Beide Texte zählen in der Zuspitzung ihrer Gedanken zu den eindringlichsten und wohl auch persönlichsten, die Etel Adnan geschrieben hat.
Etel Adnans deutsche Verlegerin Hanna Mittelstadt, Edition Nautilus/Hamburg, liest Textausschnitte aus Nacht.

Klaudia Ruschkowski, Kuratorin, Herausgeberin, Übersetzerin, Autorin

Klaudia Ruschkowski, 1959 in Dortmund geboren, ist als Dramaturgin, Autorin, Übersetzerin, Herausgeberin und Kuratorin tätig. Seit 1997 arbeitet sie mit der libanesischen Dichterin und Malerin Etel Adnan zusammen, deren Texte sie aus dem Englischen übersetzt. Sie ist die Autorin zweier Hörspiele zu Etel Adnan, produziert von Deutschlandradio Kultur, und Kuratorin der hier gezeigten Ausstellung Bilder Schreiben von Etel Adnan. Davor kuratierte sie u.a. im Jahr 2012 gemeinsam mit dem italienischen Maler Giuseppe Zigaina und dem deutschen Soziologen Peter Kammerer die Ausstellung Zwei Flüsse – Giuseppe Zigaina und Pier Paolo Pasolini in Berlin. Sie lebt in der toskanischen Stadt Volterra.

Hanna Mittelstädt, Verlegerin Edition Nautilus

Hanna Mittelstädt, 1951 in Hamburg geboren, gründete gemeinsam mit ihrem Lebensgefährten Lutz Schulenburg und dem französischen Autor Pierre Gallissaires 1974 den Hamburger Verlag Edition Nautilus. Die Anfänge des Verlages liegen in der anarchistischen Bewegung Hamburgs zu Beginn der 70er Jahre. 2014 konnte der Verlag sein 40jähriges Jubiläum feiern. „Wer zu Nautilus will, kommt nicht, weil es hier große Vorschüsse gibt oder wir ein Parteiverlag sind, sondern weil ihn dieses Programm und diese Mischung aus Literatur, Politik und kämpferischer Haltung anspricht“, sagt Hanna Mittelstädt, die auch heute noch eine unermüdliche Büchermacherin ist.

Moderation: Jürgen Keimer